Der Text
"Bitte zählen Sie ab jetzt!" Der Anästhesist, dessen Stimme ich vom Vortag kenne, als er mich nach Gewicht und Vorerkrankungen befragte, spricht in ruhigem Ton. Die Infusion für die Narkose breitet sich in meinem Körper als Wärme aus. Aus einer Laune heraus beginne ich mit Einundzwanzig, Zweiundzwanzig....und höre soeben noch, wie eine der Assistentinnen vernehmen lässt: "Der ist ja schon bei Zweiundzwanzig...!" "Hat ja auch bei Einundzwanzig erst angefangen!" (die Stimme des Betäubers). Danach ist nur noch Rauschen in der Schachtel.
Das nächste, was ich höre im Aufwachraum, ist der Satz: "Kommt der in ein normales Zimmer oder ins Geldbett?" Offensichtlich hört man bereits, bevor man die Augen wieder öffnen kann. Interessant für mich der Begriff "Geldbett". Es sind jene gemeint, die von Privatpatienten belegt werden, denen ein gewisser Service zuteil wird, bei dem der Kassenkranke der Holzklasse nur zuschaut. Aus Platzgründen sind aber alle Einzelzimmer belegt, so dass ich "vorübergehend" in ein normales Zimmer mit Nachbar gebettet werde.
Schon am Morgen danach erscheint anstatt des Mittagswunschplans, der per Kreuzchen immerhin die Wahl zwischen Fisch und Fleisch lässt, eine ganz zivil gekleidete Dame mit Klemmbrett, und stellt per Interview fest, wonach dem Privatpatienten gelüstet. Es entwickelt sich ein ausführliches Gespräch über gesunde Ernährung, und ob ich den Lachs lieber an Riesling Sauce haben möchte....? Währenddessen macht der Kassenblinddarm neben mir seine drei Kreuze. Ab und an wendet er teils belustigt, teils entsetzt seinen Kopf und fragt sich, ob er den Prominenten neben sich aus dem Fernsehen kennt.
Kurze Zeit nach dem Klemmbrett erscheint der Mann mit den Tageszeitungen, Illustrierten und sonstigem Lesestoff, und drückt dem nächsten mit dem krankenhauseigenen Laptop die Klinke in die Hand. Die zwanzigminütige Einweisung mit Pin usw. wird abrupt unterbrochen. Es weht der Chefarzt herein mit seinem weißen Gefolge, als wären es aufgewirbelte Federn eines nahen Gehöftes. Mein Nachbar rückt etwas zur Seite in seinem Bett, da nicht alle Assistenzärzte und Schwestern Sitzgelegenheiten finden.
Ich möge mein Laken zurück schlagen. In solchen Momenten bin ich es nicht gewohnt, dass mandeläugige Schönheiten aus fernen Ländern die Linien meines Körpers nach fahren, und beim Pflaster in der Leistengegend verharren. Hier wurde mir tags zuvor eine Art Matte implantiert, die mich rostfrei überdauern würde.... Bei Kassenpatienten vermute ich ein spurloseres Vergehen des Körpers.
Ich muss feststellen, dass ich mit dem Gedanken spiele, am nächsten Tag mit dem Blinddarm das Bett zu tauschen. Da nehme ich auch Kartoffelknödel mit Knorrsauce inkauf, und er kann in meinem Playboy blättern.
Bis zur Visite, wo es auffallen könnte.