Der Text
Hinterhöfe hatten mich immer schon interessiert. Ihr großer Vorteil war, dass sie sich nicht verstellen mussten, keine Maske trugen, die die Leute sehen sollten, hinter der sich nur die geschönte Wahrheit verbarg. Sie trugen die Vergangenheit, und manchmal zerbrachen sie daran. Abgegrenzt von der Allgemeinheit. An Wäscheleinen trocknete all das, was niemand zur Straße sehen lassen würde. In Balkonkästen versuchten ein paar Blumen das Blühen bei wenigen Sonnenstrahlen, die sie erreichten.
Speziell Berlin hatte es mir angetan. Ich ließ es mir nicht nehmen durch enge Hofeingänge zu schlüpfen, und urplötzlich in einem Geviert zu stehen, das so gänzlich anders war als das, was man hinter der Fassade vermuten konnte.
Da waren die soeben noch lesbaren Großbuchstaben eines Kolonialwarenladens, die eines Kohlehändlers, oder der Hinweis auf Seifen...Die Besitzer dieser Geschäfte mochten längst tot sein, die Wände waren es nicht. Getrotzt hatten sie in den Nächten, als der Himmel über der Stadt hell war, und sie der Gewalt standhielten. Aus irgendeinem Grund waren sie nicht nieder gerissen worden, wichen nicht den Plattenbauten, nicht der neuen Zeit.
In sie hinein fiel gewöhnlich das Licht schräg. Fast so schräg wie die Gardinenstangen, den Stoff auftragend wie ein altes Kleid. Der Fremde im Hof war längst entdeckt, schnell wurden die Falten zurecht gezogen, eine Gewohnheit... Nicht selten sah ich Katzen. Aufmerksame Augen, die ein Revier absuchten nach Unvorsichtigkeit. Die Straße war hier nicht zu hören. Kein Mucks. Verschluckter Trubel, plaudernde, lachende Momentgesellschaften, die sich einen Tisch ergattern konnten in heller Sonne.
Ein buntes Graffiti dort, wo eigentlich niemand hin kommen konnte, es sei denn, es stand einmal ein Gerüst...Waren hier nicht jene Leierkästen zu hören, die etwas Geld einbrachten, das aus den Fenstern geworfen wurde, wenn das Glück es so wollte? Des nachts müsste ich hier sein, wenn die Fassade die Gestalt eines Adventskalenders annahm, wenn man ihn gegen das Licht hob, kleine erhellte Fenster, nichts Großes.
Als ich nach kurzer Zeit die Schattenwelt verließ, nahm ich den Geruch nach feuchtem Putz, den nach keimenden Kartoffeln, und dem einer seltsamen Blume wahr, die in voller Blüte stand, und ihren Namen für sich behielt. Wie wohl alles, was sie jemals gesehen hatte.