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Titel
Rhabarber
Der Text
Wer kennt nicht seinen Geschmack? Das Liebliche, das ach so Gesunde, von dem die Mutter sprach, wenn sie im Mai mit einem Bündel roter Stangen aus dem Dorf zurück kam, in dem damals noch Gemüse verkauft wurde. Nachdem sie ihn gehäutet hatte, (streifenweise wurde ihm das ganz Böse vom Schaft gezogen), schnitt sie ihn in Stücke, die hernach in einem Topf mit etwas Wasser aufgekocht wurden. Manchmal kochte er über und war schwer wieder von der Herdplatte zu bugsieren. Es roch dann im ganzen Haus nach einem unerzogenen Pferd, das in den Flur geschissen hatte.

Ich habe ja nichts gegen Rhabarber. Eigentlich gar nichts. Wenn er mit ausreichend Zucker seiner Widerlichkeit beraubt wird, das mausweiche glitschige Gaumengefühl nachlässt, und es Gott sei Dank noch ein ganzes Jahr dauert, bis wieder Rhabarber auf dem Gepäckträger des Fahrrads in Haus gebracht wird...

Rhabarber lauert als Staude unterirdisch auf warme Tage im Frühling. Dann schießt er aus dem Boden wie Bambus. Mit seinen breiten Blättern nimmt er jedem Konkurrenten die Sonne. Die meisten geben in seiner Nachbarschaft sowieso das Leben auf und nehmen es sich selbst. Dann irgendwann, wenn er merkt, dass er nicht der Renner im Garten ist und stehen bleibt, fängt er noch an zu blühen. Wer ihn in diesem Zustand isst, kann sich gleich eine Grabstelle besorgen.

Als Kinder mussten wird Samstags oder Sonntags Rhabarberkuchen essen. Da nutzten keine guten Noten in der Schule, um davon zu kommen. Als erstes schaufelte ich mir die Sahne rein, biss dann den Rand ab, und schob den Glibber an die Seite des Tellers. Manchmal bettelte ich als Ersatz für das Gesunde um einen vollen Löffel Lebertran, der mir natürlich verwehrt wurde. Wenn ich heute daran denke, dreht sich bei beidem mein Magen um.

Die eindrucksvollsten Schwarzweißfotos entstanden von meiner Schwester. Vater legte schon die Kamera bereit, wenn sie den ersten Löffel gefüttert bekam. Es waren Tage des Glücks für mich. Endlich mal etwas, woran ich nicht Schuld war, wenn sie los brüllte...
Heute habe ich eine distanzierte Haltung zu diesem Geschöpf der Natur, das gleich hinter der Brennnessel und der Stechpalme rangiert. Die Nummer 3 in meinem Kotzalbum quasi.

Als unerwartet in meinem Garten, den ich übernommen hatte, das erste Blatt sich hervor wagte, bedachte ich es mit dem Rest aus meiner Maurerbilge. Eine Mischung aus Zement und Sand. Später kam er drei Meter weiter und danach wieder drei Meter. Bis einmal mein Nachbar sagte, dass er nach jahrelangen Fehlversuchen Rhabarber anzusiedeln, gleich am Zaun zu mir wohl Erfolg sichtbar würde....

Ich schaute säuerlich herüber und sprach ihm meine Glückwünsche aus. Wie die meisten absolut unehrlich.
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch