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Titel
Pusteblumen
Der Text
Langeweile hatte ich, soweit ich denken konnte nie gehabt. Irgendwie fehlte mir die Zeit dafür. Immer gab es etwas zu überprüfen. Der Bach in der nahen Wiese mit dem eiskalten Waldwasser war die Kinderstube für Molche und Lurche, jene farbigen kleinen Drachen, die sich aus Froscheiern gebildet hatten und eine enorme Veränderung durchmachten, die mein Interesse weckte. Sie mühten sich gegen die Strömung, um schließlich am Fuß des von mir errichteten Staudamms aus Grassoden, Lehm und Steinen aufzugeben. Dieser Damm hatte Bestand bis zum nächsten Gewitter, gab den Wassermassen nach, und ließen ihn seinen Weg durch die Wiesen parallel zur Teerstraße weiter glucksen bis hin zum Friedhof. Hier verschwand er wie die vielen Seelen, die hier begraben lagen in Richtung des Horizonts aus Weserbergland Erhebungen, wo für mich Afrika begann. Von dort kamen die Gewitter, die sich zuerst versteckt, dann aber so heftig entluden, dass alles Glas unserer Veranda erzitterte, in die ich mich aus reiner Furcht vor dem Krach hinein begab, und von Blitz und Donner kurioserweise nicht genug bekommen konnte.

Durch zahlreiche Ritzen des porösen Kitts der Holzverglasung schnupperte ich Schwefelluft und Ozon, wie das Kühlende des Regens, der die brütende Hitze mehrerer Sommertage mit einem Machtwort beendete. Ich konnte es kaum erwarten, und rannte barfuß zum Damm, um die Schäden zu begutachten. Das Chaos zeigte sich im gelben Wasser, das sich durch die Lehmlandschaft färbte, und immer noch wütend über die Störung schien. Zuvor durchquerte es den Wald, die darin liegenden Teiche mit meinen Schätzen wild blühender Orchideen, die für mich nur kleine Blumen waren, deren Wert ich aber erst später erkannte.

In der Nähe suchte ich mit einer Milchkanne ausgerüstet nach den Waldhimbeeren und brauchte Stunden, um sie zu füllen, da sie immer dort am dicksten waren wohin meine Arme nicht reichten. Wer schon einmal den Unterschied zu den käuflich zu erwerbenden geschmeckt hat wird genau wissen, warum sich jede Mühe lohnte. Mit Beginn der Schulzeit begann das Ende der freien kleinen großen Weltzeit, und brachte mir im Dreisatz bei, wie man zu einem Ergebnis kommt, wenn man ihn korrekt anwendet. Wenn zum Beispiel 4 Hühner jeden Tag drei Eier legten, die Bäuerin aber nur zwei jeweils nach einer Woche wiederfand, wie viele Eier landeten dann im Korb? Es machte mich nachdenklich, da ich noch mehr Einzelheiten brauchte. Waren es solche Hühner, wie auf unserem Hof, oder legten sie schlechter, wo waren die Nester und gab es einen Hahn auf dem Mist? Man kann es sich vorstellen, dass das Ergebnis stark von der mathematischen Wahrheit abwich, und mich mehr die Geschichte selbst interessierte.

Das ganze Geschehen vollzog sich weder an einem Tag noch in mehreren Wochen. Es waren die Jahre, die beliebten zu fließen, und manchmal beschleicht mich heute das Gefühl so schnell wie nach einem Gewitter. Man wacht auf und sieht zurück, erschrickt über eine Zahl, ein graues Haar oder zwei. Das alles passiert, und wenn man Glück hat ist es zum Aufschreiben, damit es erhalten bleibt. Ein Löwenzahn weiß ja auch nicht wohin die gepusteten Samenfallschirme fliegen, um irgendwo wieder zu blühen. Eine gelbe Wiese im Grün! Welch eine Vorstellung.
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein