Der Text
Was der normale Engländer als Leichenschau benennen würde, wurde ins Deutsche übersetzt als Public Viewing. Wörtlich: Leute Schauen. Und ungewollt oder nicht, trifft diese Bezeichnung ins Schwarze! Während meiner langjährigen Erfahrungen mit Rudelgucken, (der verzweifelte Versuch, ein Wort in Deutsch zu finden), gab ich schließlich auf, und zeigte statt der Landesfahne die rein Weiße der Kapitulation.
Rund um die "wichtige Sache Fußball" steht nicht derselbe, sondern der Zuschauer im Vordergrund. Meist größer als man selbst, garantiert aber interessierter, wie er selbst bei den Leuten ankommt. Vorgeglüht mit Alkoholischem präsentiert sich der so genannte Fan mit ganzer Schulterbreite vor dem XXL Bildschirm des Veranstalters und verdeckt das Geschehen. Ganz besonders erinnere ich mich an die Großfamilie eines Nachbarn, der mich zu einem Fußballspiel bei sich daheim einlud. Nichtsahnend setzte ich mich ins Sofa und beobachtete mit wachsendem Missbehagen Jünglinge der Familie, die sich auf Stühle vor mich setzten. Meist stehend durfte ich Teile der ersten Halbzeit zu erkennen versuchen. Ob der Elfmeter schließlich verwandelt wurde, und wie, konnte ich durch Zeugenaussagen der besser Postierten erfahren.
Ich verließ das Theater restlos bedient.
Aber es geht auch in größeren Veranstaltungen. Marktplätze oder an sonst stille Cafe´s verwandeln sich in kleine Fanmeilen, und bescheren den Wirten einen ungewohnten Umsatz. Was sich dann vor meinen Augen abspielte, war im Prinzip dasselbe. Bei Tageslicht schemenhafte Gestalten auf Riesenleinwänden, und Bier nach meiner ersten Bestellung zur ersten Halbzeit, da kein Durchkommen. Nein Danke. Dazu liebe ich den Fußball zu sehr, um mir stattdessen den Beifall für Selbstdarsteller abzuholen, denen jedes Mittel recht ist, um auf sich aufmerksam zu machen.
Am liebsten bleibe ich daheim und lausche der Stimme des Reporters. Wenn jetzt auch noch der RTL und Bayernfanreporter Marcel Reif in Pension geht, sogar mit Ton. Das hat Zukunft!