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Titel
Orte der Stille
Der Text
Ich lief bergan auf den angelegten breiten Wegen Richtung "Fast", wie der kleine Gipfel genannt wurde. Vorbei an harzenden aufgestapelten Fichtenstämmen, die erst kürzlich gefällt waren. Geschält warteten sie geduldig auf ihre Weiterverwertung, und nahmen mir fast die Luft durch die geballte Ladung ihres Harzes, das in der flimmernden Sonne glänzte wie Honig. Die ferne Landstraße war hier noch zu hören. Ein Rauschen mit Untertönen jenes Lebens, das außerhalb des Waldes stattfand, und es durch die Stämme schaffte präsent zu bleiben.

Ich war auf dem Weg diese Verbindung abzuschneiden, mich so weit zu entfernen, dass es dem Zufall überlassen blieb, ob ich überhaupt noch etwas hörte; und wenn, heraus zu finden wer es verursachte. Diese Reduzierung auf das Natürliche wurde immer seltener. Mehr war alles überlagert von Werbung, Nachrichten aus den Lautsprechern und Farben, die jede Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes lenkten, das käuflich zu erwerben war.

Der Ameisenhaufen neben der Straße war es nicht. Er brauchte keine Reklame, roch nach Essig und schien ein einziges Rätsel der Verkehrsführung, die sich in den kleinen klugen Köpfen heraus gebildet haben musste, um zu überleben. Es war Spätsommer und ließ den Hauch eines Abschieds durch die Zweige erahnen, die bereits hier und da begannen Laub abzuwerfen. Der lang anhaltenden großen Hitze geschuldet, gegen die sich selbst die alten unter den Buchen nicht anders zu helfen wussten. So segelte hier und da eines dieser Frühchen aus der Höhe auf den schwarzen Waldboden, oder fiel weich gebettet auf eines der tiefgrünen Moos Teppiche. Ich bemerkte die Kühle, den Halbschatten, stellte mir vor wie der Wald eine Glocke für sich bildete und alle die, die flüchten konnten, um in ihm Schutz zu suchen durchatmen ließen.

Der Waldweg war mit Split bestreut, verhinderte das Rutschen mit schweren Lasten beim Holztransport bergab und führte dazu, dass ich jetzt nur noch die von mir selbst erzeugten Geräusche hörte. Längst bemerkt allerdings von den Wächtern, den Eichelhähern, die durch ihr Krächzen den fremden Gast ankündigten.

Ich erreichte mein Etappenziel auf der Anhöhe, blickte über Sommer dunstige Waldlagen zu den grauen Zügen des Weserberglandes, und war mit mir eins. An einem unterbrochenen Tag, dem ich aus dem Weg ging, um einen anderen zu betreten, gleich nebenan, und doch ganz bei mir.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein