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Titel
Pfingstbilder
Der Text
Das Bild zeigt einen kleinen Frechdachs, dem man eine Zinkwanne in die Blumenwiese gestellt hat. Er sitzt darin und kneift die Augen zusammen vor der Pfingstsonne, die ihm ins Gesicht scheint. Obwohl in Schwarzweiß, sehe ich das Bild in Farbe, mich in weißer Winterhaut, so weiß wie die Margeriten Blüten direkt vor dem Haus. Davor war noch der Steingarten und die kleine Buchsbaumhecke und der Liguster. Dass ich mir das alles merken kann beweist, dass es ein Langzeitparadies geben muss im Speicher der Zeit. Eines, das nicht nur Bilder, das Stimmen speichert, Gesichter, Namen. Wobei die letzteren oft verschwinden und nur noch Bilder bleiben.

In der Zinkwanne wurde gewaschen. Wellbrett mit Seifenfach. Das waren Zeiten vor 30 60 90 und Programmwahl. Die Bettwäsche war knallhart von der Stärke. Sie knatterte an der langen Drahtleine vor der Wiese mit den Schwarz Bunten. Vielleicht war alles zu viel des Guten, dass man es versuchte fest zu halten, vielleicht aber war es gut so. Es käme nicht gut darüber zu trauern. Gelebt wie geliebt. Pfingsten war wie ein etwas wärmeres Ostern. Die Sonne stand höher, die Ferien waren kürzer. Der Wald hatte sich jenes helle Grün zugelegt, an dessen weichen Blättern sich Maikäfer hangelten. Im Fachwerk des Nachbarhauses hatten es sich Schwalben eingerichtet. Sie schwätzten laut und ständig, verloren dabei aber niemals das, was sie mit zum Nest trugen...Ich machte mir Gedanken.

Irgendwo nicht weit wird der Hund gewesen sein. Ein schwarz weißer Cocker mit Schlappohren in denen das Futter hing. Er fraß so ziemlich alles an das er gelangen konnte. Mit ihm durchstreifte der Frechdachs das Gelände, mit ihm konnte ich reden. Am Waldrand zogen geschmückte Leiterwagen Richtung Gaststätte der Oma nebenan. Manche Experten hatten sich Gläser mitgebracht und unterwegs Kühe gemolken, mit deren Milch sie jetzt anstießen. War das verrückt oder normal? Später würde ich das Bild in der Hand halten. Es sollte sich gelöst haben aus den Seiten mit dem durchsichtigen Spinnenpergament. Wollte heraus aus den Seiten der Zeit, die ihm zu eng wurden.

Und dann denke ich, was wohl jemand davon hält, der die Begriffe gar nicht kennt, das Waschbrett, das Pergament, die Blumenwiese, die Zinkwanne? Wie fremd es wohl jemand sein muss so etwas zu lesen?

Heute will ich nur noch einmal die weißen Margeriten blühen lassen in Worten. Damit sie in den zahllosen Seiten meiner Aufzeichnungen so etwas wie frisches Wasser bekommen, um wieder und wieder zu blühen, für wen oder was auch immer. Und ja, es war eine geile Zeit, wie man sagt.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein