Der Text
Irgendwie schien die ganze Stadt in einer Art Aufregung zu sein. Der Abend war in Paris angebrochen, hatte die Straßenlaternen herausgefordert, die zuerst mit einem leichten Flackern, dann in altbekannten gelblich weißen Strömen den Weg aus ihren Bögen aufs Pflaster zu nahmen, das noch leicht glänzte vom Regenguss am Nachmittag. In ihm, wie in den ausladenden Schaufenstern spiegelte sich alles. Huschte vorbei, blieb nicht eine Sekunde länger als gewöhnlich, und vielleicht war es ja das, was die ganze Unruhe auslöste. Wenn man stehen blieb, und sich nicht mitreißen ließ, nahm man das Stimmgewirr wahr. Französische Laute die wie eine Verzierung des Ganzen ans Ohr drangen, ein Ruf, der Aufmerksamkeit einer Person auf der anderen Seite der Straße geltend, und was mich besonders berührte, waren die weiten Kleider der Damen, die mit ihren Begleitern dem Opernhaus zusteuerten, aufgeregt wie kleine Kinder.
Selbst wenn sie vorbei gehuscht, blieb noch länger der aufgelegte Duft derer von Chanel, derer von Trussardie und all jener Künstler, die es fertig brachten aus zahlreichen Blüten eine Zusammenstellung zu kreieren, die nicht nur sehr teuer, sondern sich direkt vor dem Portal des Opernhauses zu einer gewaltigen Wolke mischten, die auf einer Welle der Wärme dahin strömte, welche aus den weit geöffneten Flügeln dieses Palastes entwich. Da ich selbst weder ein Ticket für den Opernabend besaß, noch Anhänger von herzerschütternden Arien war, blieb ich als stiller Beobachter dennoch nicht ohne Belohnung. Ich sah in die glücklich schimmernden Augen der meisten Damen, und in jene ihrer Begleiter, die wohl, wie auch ich, jetzt lieber in Jeans unter meinem Auto liegen würden, um den Ölwechsel durchzuführen.
Die Flügel des Eingangs waren weit gespreizt, und erinnerten mich an einen Schmetterling auf einem sonnenbeschienenen Stein. Wer es bis hierher geschafft hatte, war wohl vor dem Spiegel derart beschäftigt, dass die Zeit knapp wurde bis zum ersten Gong. Es wurde dezent gedrängelt, denn wer es nicht rechtzeitig zum Beginn schaffte, musste bis zur Pause draußen warten. Von Innen hörte ich das Gemurmel der zahlreichen Gäste, und als ich etwas näher kam, das Einstimmen des Orchesters mit seinen Instrumenten, seinen Geigen, die ihren letzten freien Moment hatten sich individuell zu entfalten, worauf bald der strikte Lauf der Partitur und dem Taktstock zu folgen war.
Ich war etwas über mich selbst erstaunt, dass ich von den gesprochenen Unterhaltungen so gut wie nichts verstand, um festzustellen, dass ich es gar nicht brauchte. Nein, es war sogar hinderlich wie eine Übersetzung unter einem in ausländischer Sprache laufenden Film, der mich ablenkte von meinen Beobachtungen und Empfindungen.
Nachdem nahezu alle Anwesenden sich ihre Plätze gesucht hatten, wurde es an den Garderoben seitlich etwas ruhiger, die Reste in den Champagnergläsern funkelten mit dem Deckenlicht um die Wette, während ich mich der Vorstellung hingab herauszufinden, was man alles nach der Vorstellung in dieser Stadt noch anstellen konnte, um diesen Abend zu krönen. Auf dem Weg zur Seine freute ich mich auf die Spiegelungen im Wasser, und wollte sie mit jenen vergleichen, die auf so vielen Gemälden von Paris wieder zu finden waren. Manchmal gab es welche, die den tatsächlichen Bewegungen des Stroms täuschend echt nachempfunden waren.
Manche der Künstler würden sich kein einziges Ticket leisten können, doch wer weiß, ob sie nicht zufriedener mit ihrem Werk am Ende sein konnten als die Kritiker der Veranstaltung, auf den Seiten der Blätter am Folgetag. Ich selbst gehörte zu den Zufriedenen, denn wenn ich den Namen der Stadt höre, verbinde ich sie mit einer Oper und Ölwechsel in Jeans, und allen Eindrücken, die zu sammeln es sich lohnte.