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Titel
Pilzsuche
Der Text
Es hatte die Nacht über geregnet. Immer wieder gab es Schauer in diesem Herbst, der es den Bäumen leicht machte einen letzten Schluck aus der großen Flasche des Himmels zu nehmen, um es an die welkenden Blätter an den Zweigen weiter zu geben. Bis in die größeren Höhen wird es kaum gereicht haben, denn sie waren es, die eine deutliche Färbung abgaben als Zeichen des Aufgebens. "Es müsste Pilze geben". Mein Opa war ein Kenner in dieser Sparte, und hatte bisher alle gesuchten Arten lebend überstanden. Ich selbst war aufgeregt, wenn ich mit ihm den Wald an der Einfahrt betrat und ihm folgte, denn wenn es einer wusste, wo sie standen, dann er. "Die meisten findet man gleich um die Ecke, die wenigsten, wenn man weite Wege macht". Das lernte ich, wie so vieles von ihm.

Wir gingen ohne jedes Gefäß. Die Erfahrung zeigte, dass der Erfolg welche zu finden mit der Größe des mit gebrachten Korbes abnahm. Hier und da standen sie auf Moosplacken, an Wurzeln hoher Buchen oder schoben ihr Haupt unter früh gefallenem Laub nach oben. Es waren diese "Unebenheiten" in der sonst ebenen Fläche des Herbstwaldes, die sie verrieten. Es wird mir immer ein Rätsel bleiben wie es sein kann, dass die nicht gerade als Renner bekannten Schnecken meine Lieblingspilze schneller fanden als ich. Vielleicht fehlte mir die Langsamkeit...?

Der Buchenwald damaliger Tage kannte noch keine tiefen Radspuren von Erntemonstern, die heute eingesetzt werden, um die Handarbeit beim Holzfällen zu ersetzen, und den Boden für Pilze zerstören. Wir erreichten das Gebiet, das oberhalb einer Schonung lag, etwas abseits des befestigten Weges auf dem das Holz abgefahren wurde. Wir waren beide überrascht und aufgeregt, als wir an gleich mehrere Stellen gerieten, wo Steinpilze jeder Größe wie hin gesät standen. Alles fast unversehrte wunderbare Steinpilze. Ohne Korb oder Tasche zogen wir die Jacken aus und sammelten sie ein. Selbst die Mütze des Opas musste herhalten. Über der Fläche stand der typische Duft dieser Köstlichkeiten. Ein zutiefst modriger Blattgeruch nach schwarzer Walderde und Regen nassen Blättern, morschem Holz und Sommerabschied.

Wir bedauerten zutiefst, dass wir keinen Korb mitgebracht hatten. Am Abend brutzelten wir eine große Portion in guter Butter gesalzen, und leicht gepfeffert in der großen Eisenpfanne, die sonst nur den Bratkartoffeln vorbehalten war. Dazu gab es frisches Brot und sonst nichts. Alles, was Geschmack ausmachte, hatte der Wald in diese braunen Helden gesteckt, was wir jetzt auf der Zunge zergehen ließen.

Seit damals bin ich öfters in diesem Bereich unterwegs gewesen, habe aber niemals jene "Beute" heim gebracht wie an jenem Nachmittag ohne Korb oder Tasche, nur mit Opa, Mütze und Jacke.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein