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Titel
Piek
Der Text
Sie kamen am Samstag. Am späten Nachmittag erstmals im September, setzten sich gemeinsam an einen Tisch, und holten das Kartenblatt heraus. Schon bald dröhnten aus der sonst ruhigen Gaststätte Laute wie auf einem Exerzierplatz. Dem ersten Mal folgten weitere. Immer am Samstag, und immer am selben Tisch. Ihrem Stammtisch. Dieses Schauspiel findet sicher bis heute an unzähligen Orten statt, meist beim Skat, zu dem bekanntlich ja drei gehören.

Diese Skatbrüder aber pflegten eine gleichermaßen erfrischende, wie auch ärgerliche Variante des Spiels, das nach einheitlichen Regeln weltweit Freunde gefunden hat. Selbstverständlich galten auch hier strenge Vorschriften, wurde Gewinn, wie Verlust peinlich genau notiert, und am Ende verließ man den Rauch erfüllten Raum fröhlich gestimmten Hauptes, oder eher nachdenklich. Was die angesprochene Variante anbelangte hieß sie Willem, (das H sparte man sich), der älter war als die anderen und stets mit Asta kam, seiner Schäferhündin.

Willem hatte nicht nur eine ungeheuerliche Spielerfahrung, galt als streng zu Frau und Vieh am Hofe und duldete keinen Widerspruch. Asta legte sich sofort unter seinen Stuhl und blieb dort geduldig liegen. Wollte sie einer streicheln, ging er dazwischen. "Lass den Hund in Ruhe! Asta, komm bei Vattern!" Da Willem am aktiven Spielgeschehen nicht teilnehmen durfte, (Insider wissen um seine unerträgliche Besserwisserei), wurde er bald ausgeschlossen, kam aber regelmäßig weiter zur Runde. Kaum war das erste Blatt verteilt, sprang er auch schon auf, lief um jeden der Spieler herum und merkte sich alles das, was die anderen nicht wissen konnten. Das Prozedere wurde während der ganzen Spielzeit beibehalten...

Das Gezeter begann, wenn er seinen hochroten Kopf bedenkenvoll hin und her wog. Frei nach dem Motto: jahrelange Spielerfahrung ist nichts gegen ein Blick in die Karten des Gegners. Diese Typen wurden auch als Eulen bezeichnet, das sie übergroße Augen und feine Ohren besaßen. Manchmal geschah es, dass einer seine Karten hinschmiss, weil er Willems Wackeln falsch gedeutet, oder von ihm einen schicksalhaft falschen Tipp bekam. Wenn nicht alle unbewaffnet gewesen wären, solche Momente hätte Willem nicht überlebt. Es reichte schon, dass ihm auf einem Rückweg plötzlich ein Zahn fehlte, was natürlich keiner gewesen sein wollte....

Aber was ich nicht vergessen sollte zu erwähnen, war sein Lieblingssatz:
"Heinrich, Piek musste speelen, Piek!!!!
"Piek hebb ick doch nich, Mann!"
Und Willem nur: "Ja wenn ouk!" (ja, trotzdem)

Da machste nix.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein