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Titel
Notruf
Der Text
An einem Sonntagmittag begann etwas äußerst Außergewöhnliches. Wir, als Bremer Towercrew, bekamen den Funkspruch eines Piloten, der sich von einem benachbarten kleinen Flugplatz meldete. Er nannte auf Deutsch sein Rufzeichen, mehr nicht. "Was sind ihre Absichten"? wollte der Towerlotse wissen. "Wenn ich das wüsste".... kam darauf zurück. Wir sahen uns alle an. Fast gleichzeitig läutete mein internes Telefon, wobei der Wachleiter im Center unterhalb des Towers nachfragte, ob wir Kontakt mit einer Maschine des Flugplatzes hätten. Er nannte das Rufzeichen von soeben. Es sei vor ein paar Minuten entführt worden...... Von einem der Flugschüler seien die Schlüssel entwendet worden, das Flugzeug gestartet, und jetzt anscheinend in der Luft.

Meine Auszubildende schickte ich aus nachvollziehbaren Gründen in ihre Pause.

Von diesem Moment an begann ein Wettlauf mit nicht kalkulierbarem Ausgang. Der Wachleiter selbst war Fluglehrer auf dem kleinen Flugplatz, kannte die betreffende Maschine. Er wurde an seinem Arbeitsplatz sofort abgelöst und kam in den Tower.

Im Nachfolgendem nenne ich den Entführer Bodo, den Wachleiter WL.

In den nächsten Minuten erfuhren wir, dass Bodo zwar Segelflugkenntnisse, auf der betreffenden Propeller Maschine aber nur eine Flugstunde absolviert hatte. Dabei lernte er zwar, wie der Start geschah, aber weder wie man die Maschine flog, noch landete. Außerdem erfragten wir, wie viel Sprit die Maschine noch hatte. Dieser reichte laut Auskunft des Fluglehrers noch ca. zwei Stunden. Im folgendem Verlauf übernahm der erfahrene Wachleiter den Funkverkehr mit Bodo, wie er sich nannte, ein weiterer Kollege kam aus dem Center hinzu, sowie etwas später bereits ein Psychologe, woher auch immer und von wem auch immer in den Tower beordert.

Der Bremer Flughafen wurde jetzt für geschlossen erklärt, an- und abfliegende Maschinen entweder umgeleitet oder am Boden gehalten, da der benachbarte Flugplatz in großer Nähe zum Bremer Flughafen lag.

WL: "Wir sehen dich auf dem Radar, bitte versuche die Höhe zu halten, damit wir dich weiter sehen können, was hast du eigentlich vor"?
Bodo: "Es geht um meine Frau und mein Kind. Da ich keinen Ausweg aus meiner Situation sehe, werde ich mich gleich auf die Stadt stürzen, und die Sache ist erledigt. Falls ihr Polizei mit dazu zieht, bin ich in wenigen Minuten über der Stadt".
WL: "Sollen wir deine Frau benachrichtigen über das, was jetzt gerade passiert"?
Bodo: "Von mir aus könnt ihr das, nur keine Polizei dabei". Sie heißt, (es folgte ihr Name und ihre Adresse in Hannover).

WL: "Kannst du die Höhe halten und Richtung Westen fliegen"?
Bodo: "Nein, ich kenne ja keine Instrumente, kann nur die Maschine einigermaßen halten".
WL: "Wir werden dich sicher landen lassen, wenn du unseren Anweisungen folgst".
Bodo: "Will ich gar nicht, finde es hier oben super und sehe ein paar Wolken, außerdem habe ich eine scharfe Waffe". Seine Stimme klang euphorisch.

Inzwischen wurde aufgrund zahlreicher Telefonate die Ehefrau in Hannover ermittelt, und vom zweiten Wachleiter aus dem Center, der jetzt bei uns oben war, verständigt.
"Frau xxxxx ,wir haben hier ihren Mann in einem Flugzeug, er spricht von Problemen und Selbstmordabsichten, sind Sie bereit nach Bremen geflogen zu werden"?
Nach einer Schweigeminute willigte sie ein, und wurde in einer parallel laufenden Aktion per Hubschrauber nach Bremen gebracht.
Der Funkkontakt zur Maschine brach minutenlang ab, sowie das Radarsignal, da zu tief geflogen wurde, oder Bodo keine Lust hatte gesehen zu werden. Als er wieder auftauchte, befand er sich über unbewohntem Gebiet in geringer Höhe und zeitweise oberhalb einer lockeren Wolkendecke.

"Ruf mal die Feuerwehr an, und erklär ihr die Lage, dass gleich ein Kleinflugzeug auf Bremen abstürzt".

Ich gestehe, dass mir in diesem Moment im wahrsten Sinne des Wortes im Moment die Spucke weg blieb.

"Feuerwehr Notruf Bremen"
"Hier der Tower in Bremen, wir haben einen Ernstfall. Es besteht die Möglichkeit, dass ein Kleinflugzeug auf die Stadt fällt, bitte um Notfallmaßnahmen"!
"Ja, was soll ich denn jetzt machen"?
"Sie haben doch einen Notfallplan, oder Alarmierungsplan, es ist dringend"!

Man muss dazu sagen, dass es seinerzeit noch keine Regelungen für solche Fälle gab, und die Wahrscheinlichkeit einer solchen Situation schlicht nicht erwogen wurde.

Mittlerweile hatten sich mehrere Polizeibeamte auf dem Tower eingefunden, die die Leitung übernehmen sollten, und Kontakt mit ihrem Lagezentrum hielten. Ein erstes Statement einer der Herren lautete:
"Sie führen die Maschine von der Stadt weg, und lassen sie über dem Teufelsmoor abstürzen! Für alle anderen Folgen machen wir Sie persönlich verantwortlich"!
WL: "Es mag ja sein, dass Sie die Befehlsgewalt über ihre Truppe hier haben, wir sind hier im Tower, und da habe ich sie"!

Inzwischen versuchte der Wachleiter den ständigen Funkkontakt mit Bodo aufrecht zu halten, ihm die wichtigsten Funktionen, wie man ein Flugzeug steuert beizubringen, und ihn so ganz nebenbei von seinem Vorhaben abzubringen. Er "lernte" quasi das Fliegen, und vergaß gleichzeitig seine wahre Absicht in die Tat umzusetzen.
WL: "Flieg in die Sonne, flieg in die Sonne, ich bringe dich nach Bremen. Wir haben mittlerweile deine Frau geholt, willst du mit ihr sprechen"?
Abbruch des Funkverkehrs.

Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch eine Viertelstunde Sprit. Wir brauchten dringend eine Umgebungskarte, um zu sehen, wo er sich genau befand.Ich rannte ins Center, um eine große Karte zu holen, die eiligst von der Wand gerissen wurde. Bodo wusste nicht wie viel Sprit er an Bord hatte, da er ja die Instrumente nicht auslesen konnte....

Die Polizei postierte sich in Landebahnnähe und versuchte möglichst unsichtbar mit Einsatzwagen und Einzelpersonen auf dem Vorfeld in Deckung zu gehen. Bodos Frau war im Terminal. Eine Verbindung ins direkte Geschehen in der Luft fand nicht mehr statt. Es schien, dass sich seine Begeisterung fürs Fliegen über seine unglaublichen Absichten gesetzt hatten.
Bodo: "Wie viel Sprit habe ich eigentlich noch"?
WL: "Ich bringe dich jetzt hier zum Platz. Du musst jetzt in die Sonne fliegen, hörst du, in die Sonne, dann schaffst du es beim ersten Mal" .

Entgegen der Polizeianweisung war der Entführer auf dem Weg zum Bremer Flughafen.
"Wenn er gelandet ist, sagen sie ihm, dass er vor dem Aussteigen die Waffe aus dem Cockpit werfen soll"!
Bodo war im Landeanflug auf Bremen, der über den Häusern der Stadt erfolgen musste.
Er hatte noch ca 8 Minuten Zeit und wackelte sich auf die lange Piste zu, hatte aber gehörigen Respekt vorm Boden. Die Maschine senkte sich, hob wieder ab, und senkte sich wieder bis es zu spät war. Dann startete er durch, und ihm gelang eine weite Schleife zur erneuerten Annäherung. Nach der Sprit Berechnung hatte er fast nichts mehr im Tank...

Alle Anwesenden standen unter einer ziemlichen Belastung. Endlich setzte er die Maschine auf die Piste, hob wieder ab, setzte wieder auf und ließ sie, vielleicht aus Sprit Mangel, ausrollen.

Bodo:"Wie war ich"?

Polizei nahm ihn sofort in Gewahrsam und entwaffnete ihn am Flugzeug.

Statt Beifall breitete sich ein Schweigen aus, eine Entspannung, die erst viel später bei mir einsetzte, als ich längst abgelöst war auf dem Weg nach Hause.

Ps: Bodo hatte sich unter dem Vorwand eines Schwächeanfalls gleich zu Beginn seines Schulungsfluges die Landung erbeten, was den Fluglehrer die Maschine verlassen ließ, um Wasser zu holen. In dessen Abwesenheit konnte er dann das Flugzeug in seine Gewalt bringen, und sie in die Luft bekommen.

Pps: Als meine Auszubildende wieder auf dem Tower erschien, wollte ich sie kurz über alles in Szene setzen..Sie winkte ab und sagte:
"Brauchst du nicht, habe zu Hause den gesamten Funkverkehr auf 118.3 MHZ mit verfolgen können, bin bestens ausgerüstet".

Besser jedenfalls als die Polizei, die den Kontakt Tower und Einsatzkräfte durch fehlendes Funkgerät nur durch unsere Verbindungen aufrecht erhalten konnte. Der einzige Schwachpunkt im glücklich verlaufenden Drama. Bodo wurde in einem späteren Verfahren wegen Gefährdung des Luftverkehrs zu einer Strafe verurteilt.
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein