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Titel
Pause
Der Text
Von 10 Uhr vormittags bis 10 Uhr 10 wird mein Supermarkt zum Hypermarkt. Er wird geflutet vom nahen Gymnasium, das die erste Pause einläutet. Junge Menschen, zwischen denen ich auffalle wie ein alter Hund zwischen lauter Welpen. Es hebt an ein tosendes Geschnatter. Die Rucksäcke, (früher Tornister), liegen meist im Eingangsbereich. Ich steige über Wolfskin hinweg, über Outdoorkreationen, denen die üblich dünne Luft auf dem Mt. Everest nichts anhaben kann, bevor ich mich ans Brötchenfach wage. Mit einer Art Harke kratze ich mir ein Teil aus der Auslage. Vor mir und hinter mir jede Menge Jung Kratzer. Die meisten wie ich, nehmen sich nur ein Brötchen, und schwenken dann gleich links zum Regal für Energy Drinks. Diese lasse ich links liegen. In meinem Alter habe ich genug Energie gespeichert.

Diese Drinks gab es damals noch nicht. Mama hat mir immer ein Pausenbrot geschmiert. Eingewickelt in Butterbrotspapier hat es sich versucht zu befreien, und die gleich daneben liegenden Schriftstücke kontaminiert. Selbst vor Zeichnungen machte das Butterbrot nicht halt. Inmitten eines Mondaufgangs erschien ein zweiter, etwas schwächerer, den es in der Natur noch nie gab. In einem Zeugnisheft lag einst sogar eine Gurkenscheibe. Am schlimmsten war Leberwurst. Wenn sie es sich auf der vier Kilometer Radtour zur Schule gemütlich gemacht hatte, verging mir der Appetit. Brachte ich ein nicht gegessenes Brot wieder heim, hieß es Hasenbrot. Das wurde natürlich am nächsten Tag gegessen.

An all das denke ich, wenn ich über die Rucksäcke steige, und mich in die Schlange der Brötchentüten stelle, nur um den Altersschnitt etwas anzuheben. Könnte glatt eine viertel Stunde später gehen, aber was wäre das für ein Event? Oder Lehrer spielen. Habe hier noch nie einen gesehen. Lehrer nagen in Lehrerzimmern oder stecken sich heimlich eine an...
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja