Der Text
Sonderbar. Die Sonne hat etwas....etwas, das ihr ansonsten kaltes Novemberlicht an diesem Nachmittag ins Gegenteil verkehrt. Sie es über die kurzen Gräser wirft wie ein Fischer, der längst nicht mehr von seinem Fang leben kann. Das Grün ist nicht mehr das Grün des Sommers, und schon gar nicht das des Frühlings. Durchwoben ist es von gelblich Strähnen, die ihm etwas von alternder Würde geben. Wenn ich über die Weiden hinter dem Deich sehe, grasen dort Pferde. Am frühen Morgen glitzert alles durch die Nachtfeuchte, Enten ziehen kleine Wellen auf einem Flusslauf hinter den Häusern. Das einzig Wahrnehmbare ist das Geräusch schlagender Flügel in einer Natur, die sich auf Frost einstellt.
Im kleinen Hafen vertäut heben und senken sich unmerklich wenige Fischerboote. Ihr blätterndes Rot der Planken spiegelt sich im trüben Hafenwasser. Die weit aufgespannten Netze an Bord filtern das Morgenlicht, und lassen mehr Himmel als Blau durch die Maschen passieren. Nur noch wenige Touristen genießen das Geschenk eines Tages am Strand. Manchmal bückt sich jemand und sammelt eine der heil gebliebenen Muschelschalen, eine unabwendbare Tätigkeit, ein Reflex.
Weit auf dem Wasser liegen ein paar Inseln zum Greifen nah. Ziegelrot einiger Dächer, der Kirchturm, ein weißes Schiff. Dazwischen Flachwasser.
Alles scheint geduckt unter der Übermacht eines Novemberhimmels, der sich am Horizont mit der See berührt, die das Unschuldslamm spielt. Die Fischereigenossenschaft am Dorfeingang verkauft Fisch, der im dicken Eis der Vitrinen noch einmal abtaucht...Krabben in einer Plastikwanne. Gekrümmt zusammen gerollt, und nur die großen Augen scheinen die antennenartigen Fühler zu beobachten, ob sie sich noch regen. Ich nehme ein Pfund davon, bringe sie in die warme Stube, puhle jede einzelne mühevoll und stelle das Ergebnis stolz auf den kleinen Tisch. Es duftet tatsächlich nach Meer, ja, auch nach Salz.
Die Sonne müht sich noch einmal durch die Scheiben, und vergisst dabei nicht die kleine Schale, als hätte sie noch eine Verabredung einzuhalten...Über die Weiden kriecht der Nebel in Schwaden, und bald wird er den Hafen eingenommen haben, wie er es mit den Inseln lange vorher tat, mit den Pferden kurz darauf. Durch die geöffnete Balkontür ist nur eine Glocke zu hören. Nicht auszumachen woher, aber das will auch niemand wissen, denn alles, was man wissen muss ist, dass es so etwas noch gibt in einer überlauten Welt, die sich selbst häufig nicht mehr hören kann.