Der Text
Heute noch fällt er mir auf, der Baum, der als Letzter im Frühling seine gelblichgrünen Blätter trieb, wo andere seiner Art längst schon so etwas wie einen kleinen Schirm aufgespannt hatten. Er stand am Rand der Straße, war ebenso hoch wie seine Gesellen, und muss mir schon zugesehen haben, wie ich mich spät um die Kunst des Fahrradfahrens mühte. Richtig aufgefallen aber war er mir seltsamerweise nicht im Frühjahr, sondern im Herbst. Dadurch, dass er der Erste war, der seine Blätterlast von sich ablud, als wäre sie längst überfällig....
Wer kam auf die Idee, am Anfang der Letzte zu sein und am Ende der Erste? Hieß es nicht, dass die Letzten die Ersten sein würden? Er hielt sich nicht an diese Regeln. Es war eine Buche. Sie brachte mich auf die Idee, einmal genauer hinzusehen, was wer macht zu welcher Zeit. Und da es aus der Mode kam Ameisenhügel zu bauen, oder Hirschkäfergefechte auszutragen, da durch Stürme und mehr noch durch uns Menschen sich der Wald stets veränderte, und auf eine besondere Art trauriger wurde, dadurch wurde mir klar, wie sehr ich selbst mich wandelte.
Begann Ansichten zu verbreiten, die mir nie in den Sinn kamen vor Jahren, begann plötzlich eine Sinfonie von Beethoven gut zu finden, da ich hinter ihre Notenblätter geriet, und sie plötzlich als Sprache verstand, nicht als Töne. Und alles Oberflächliche bekam plötzlich Struktur. Ein ganz normaler Sonntagmorgen, an dem es regnete, war genau das Richtige, um endlich mal das neue Buch aufzuschlagen, um es wenigstens anzufangen. War da nicht plötzlich Zeit? Gab es die wirklich, um sie in Leben umzuwandeln, nicht in Handeln, Funktionieren oder in Erfüllen?
Ich ging ins Bad und sah nach, welche Medikamente ich am häufigsten brauchte. Hals, Nase, Ohr natürlich und Pflaster, das mein steter Begleiter sein sollte, wenn es um Hammer oder Nagel ging, Säge oder Messer. Ich räumte alles aus, was ein Jahr drüber war, und alles, was ich sowieso nur einmal benutzt hatte. Ich wollte mich an keine Regeln halten und dachte an den Baum. Wollte so ein bisschen sein wie er. In der Mitte stehen, und doch ein bedeutend Stück anders. Es war so leicht, dem Mainstream zu folgen, den Reklameblättern mit den so supergünstigen prozentual herab gesetzten Preis Angeboten, um sie ins Altpapier zu geben, wo sie hin gehörten.
Und dann räumte ich in meinen Wünschen auf. Dem Drang zum Beispiel eine Schaukel zu entern, um noch einmal Schwung zu holen. Allein, weißt du, ohne Anschubs...nachzugeben, und es nicht albern zu finden, wenn Zeugen dabei waren, die das Bescheuertenzeichen machten. Ich verurteilte Penner, losgelassene Hunde und unpünktliche Busse, Streiks überbezahlter Piloten und unterbezahlter Pfleger und fand mich selbst super. Kritik begegnete ich mit dem Anderssein, worauf ich ein Anrecht hatte, wie der Baum.
Aber doch, wenn ich das Schicksal von Freunden plötzlich auf dem Schirm hatte, wie sie sich nach einer OP herum schleppten mit ihren mir so unbekannt besorgten Gesichtern, aus denen sonst nur Freude wuchs, dann wurde mir das alles bewusst. Kam hinter die Notenblätter des Lebens und erfuhr, dass das ergreifendste Kapitel wohl in Moll geschrieben wird. Mit einem Mozartschen Schwenk, einer Locke in Dur, die der Zukunft gedacht war.