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Titel
Portugal 2014 Teil 4
Der Text
Speisesaal

Der Vater prescht schon mal vor. Er schiebt einen High Tech Kinderwagen in den Speisesaal am Morgen. Er pflügt eine Bresche in die Wartenden auf Toast, Kaffee oder Marmelade. Er entdeckt einen für 4 Personen gedeckten Tisch, und besetzt ihn wie einst Blücher einen feindlichen Hügel. Portugiesen unterscheiden sich nur von Germanen, indem sie die Arme angewinkelt lassen, während die Germanen sie in die Hüfte stemmen. Er winkelt an.

Auf dem Thronsessel des Königswagens brüllt ein Wesen sein Leid in die bisher stille Genießerschaft Frühstückender, das auf sein baldiges Ende durch Hunger deutet. Der Sohn ist Mittelpunkt. Nicht am Tisch, sondern im gesamten Restaurant. Mir bleibt die Spucke weg. Von seinen Stimmbändern ließen sich Keilriemen für Mähdrescher fertigen.

Das Schreien endet abrupt, sobald der Vater ihn aus dem Traumauto hebt. Aus Plüsch und Plum, Gerassel und bunten Regenbogenablenkungsmanövermaschinen. Gewürdigt durch alle Blicke stellt Brüller fest, dass er der King ist. Das tröstet ihn ungemein. Die Mutter kommt übernächtigt ½ Stunde später nach. Im Gefolge zwei halbwüchsige Schlaftauben. Blass, von magerer Gestalt, setzt sie sich neben den Traumwagen. Restaurantbedienstete haben inzwischen einen Hochsitz gerichtet, in dem der Brüller Platz genommen hat. Von hier hat er Sicht auf Brei und Ei.

Gleichaltrige haben längst einen Computer, mit dem es sich ablenken lässt. Dieser ist noch genuin. Das Phänomen technischer Aufrüstung von Schnullerträgern wird mich noch einige Tage beschäftigen. Sie sind unterm Strich nicht ruhiger, sondern ungehaltener, wenn sich der kleine Finger vertippt und Papa statt Brei nach zu füttern den IT Inspektor spielen muss. Die Mutter isst während des Frühstücks wenig bis nichts, da sie ja die ganze Zeit mit Schadensbegrenzung beschäftigt ist. Bei den Portugiesen sind drei Kinder das Minimum, zwei bedenklich und nur eines selten. Die etwas älteren Kinder sind alle einhändig, da sie die andere Hand ans Smartphone verloren haben. Der Vater übrigens auch. Im Hintergrund läuft TV Fußball, wie überall in Portugal.

Wenn nun einer glaubt, dass der Brüller der einzige wäre, so irrt der. Mittlerweile werden wir von 4 Hochstühlen und einer Armada von Jugendlichen eingerahmt, die aber alle mäuschenstill sind. Sie warten auf Kurznachrichten zwischen der Gabel mit Rührei und dem Löffel mit Zucker im Kaffee.

Das neue Zeitalter bringt auch Vorteile. Man muss sie nur zu schätzen wissen. Das Hotel wirbt im Internet als Wellnesshotel, nicht als Brüllness. Da würde wohl keiner kommen, es sei denn mit mindestens 4 Kindern.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch