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Titel
Portugal 2014 Teil 3
Der Text
Bei Halbzeit unternehmen wir eine organisierte Tour bis ans Ende der Welt, wie es genannt wird. Es geht durch die Berge bis zum Cabo de Sao Vicente, dem südwestlichsten Zipfel Europas. Hier wollte niemand wohnen zu Zeiten Heinrichs, des Seefahrers. Der Grund: Hier wohnten die Götter. Von der Festung bei Silves haben wir einen Blick am frühen Morgen bis hin zur Küste. In den Blumenrabatten zu Füßen der großen Mauern klammert sich noch etwas der Tau. Wir sind fast die Ersten mit unserem Reisebus und einer begabten Erzählerin, (Fatima), von der wir mehr erfahren als wir speichern können.

Der Blick geht durch das Mauermäander, durch Schießscharten hinaus in die wellige Hochebene, auf ausgedorrte Felder, aber prächtig in Grün stehende Plantagen, auf Schafherden und morgendliche Vorenthaltsamkeit eines zu erwartenden heißen Tages. Spuren eines Mittelalterfestes vom Abend werden beiseite geräumt. Der Pranger bleibt noch stehen... Im Innenhof hängt noch etwas kalter Rauch der abendlichen Feuer. Es ist die Stille, die sich um die Mauern wickelt, als könnte sie sie vor dem Zerfall seit den Mauren bewahren. Statt Dörfern sehen wir einzelne Gehöfte verstreut, manche in gutem Zustand, andere mit dem eigenen Zerfall beschäftigt. Eine alte Frau hängt Wäsche auf. An den Reben verlassener Weinfelder reift es wild einer Ernte entgegen, die nicht mehr stattfindet.

Beim Mittagsmahl werden wir in einem Bergrestaurant köstlich bewirtet. Es gibt gegrilltes Fleisch vom Schwarzen Schwein, (eine besondere Züchtung der Gegend), einen unvergleichlichen Schinken, etwas Huhn und Rotwein, Brot mit Olivenöl gebacken und Medronho, Likör aus dem Erdbeerbaum. Und plötzlich ist auch das Lächeln wieder in den Gesichtern der Beteiligten. Sattsein kann doch lächeln....

Eukalyptusbäume am Straßenrand, vorbei an Korkeichen, deren empfindliches Leben uns durch Fatima bekannt gemacht wird, in Serpentinen über Uraltbrücken aus der 500 jährigen Zeit der Mauren erreichen wir das Kap. Eine Dreiviertelstunde Fotoshooting zwischen wuselnden Touristen. Auch die Deutschen betreiben einen eigenen Bratwurststand mit dem Slogan:

Die letzte Bratwurst vor Amerika!

Was? Sie wollen nur knipsen, nicht probieren? kommt es von einer der beiden Verkäuferinnen. Nein, will ich nicht. Und wenn ich was zu sagen hätte, würden die Tingeltangelstände verschwinden, die bekannte Orgie rund um jedes Kap der Welt. Dass nur noch der Wind übrig bliebe, der um den gewaltigen Leuchtturm reißt, und dem Rauschen der 80 Meter unterhalb brandenden Brecher Konkurrenz macht. Es scheint tatsächlich das Ende der Welt zu sein, nur anders gemeint. Heinrich, der Betreiber der Seefahrtschule zu Entdeckerzeiten hätte sich auch deshalb zurückgezogen...

Er selbst wurde bei seiner einzigen Fahrt dermaßen seekrank, dass es nur bei dieser blieb. Ohne ihn würde Portugal nicht sein, was es wurde. Eine stolze Nation, die nicht nur die portugiesische Sprache in Brasilien hinterließ, sondern ganz bestimmt die Lebenslust, die ansteckend ist für jeden Besucher dieses Landes. Sie steht im krassen Gegensatz zu den finanziellen Problemen, die der Staat hat. Nur der besteht nicht nur aus Banken, sondern Politikern und deren Geldpolitik. Zwei Elementen, bei denen einem das Lächeln vergeht.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch