Der Text
Die kleine Ewigkeit
Warum bin ich nur so übermüdet bei unserem Wiedersehen? Die frühe Zeit des Abfluges, der unruhige Flug, das Warten aufs Zimmer... Dann doch zu dir. Da bist du ja! sag ich zum Strand, und leise auch zu mir. Getrennt seit fast einem Jahr, das schmerzt. Und wenn ich erwartet habe, dass du mir ein Zeichen des Erkennens gibt, bin ich enttäuscht. Erduldest mehr mein Getrampel auf dir, machst keinen Unterschied zu allen anderen um diese Zeit im Jahr. Es sind doch mehr geworden. Der Blick nach links und rechts verstellt durch Leiber, Beine, Schirme, nur den aufs Meer, der lässt sich nicht verstellen, weil er so unverstellbar ist.
Ich stehe da, die Füße überspült von wahrhaft 17 Grad und sehe weder Schiffe, noch eine Rauchfahne am Horizont. Dem Bunt des lauten Lebens setzt du das einzig Blau entgegen. Einem Blinden würde ich es nicht mit Blau erklären. Ich würde ihm sagen, dass es mehr Tiefe hat als Farbe, mehr Weite als das Spektrum hergibt. Es hat heute etwas von Altsilber, von Zinn, von einer Schürze, an der sich hundertfach die Hand gewischt, der Stoff wohl hundertfach gewaschen.
Das Meer klingt so verschieden wie es Meere gibt. Mal schiebt es kleine Wellenberge, die hört man nur, wenn man daneben steht, doch dieses heute geht bis zum Hotel. Es krault und raunt in unablässig Rauschen, das keine Sekunde auslässt. Es wird Abend. Pailletten bis zum Horizont. Das Flimmern wird nur von einem Schiff gestört, das es wagt in diese ungeheuerliche Schmucksammlung zu fahren. Es wirft die Netze aus. Vielleicht, so denke ich, ist nicht die Beute der Fisch, sondern jene Herrlichkeit, in deren Mitte sich das Schiff befindet.
Wer einmal raus fährt, um das Leben zu bezahlen, der hört kaum auf damit. Eng wird es an den Börsen, während die Maschen der Netze weiter werden. In keinem der Gesichter sah ich jene Traurigkeit, die an den reich gedeckten Tischen des Restaurants zu sehen waren. Vielleicht kann Sattsein nur nicht lächeln? Aus dem kleinen Ort hinter dem Hotel dringt eine Prise Koriander, gemischt mit Knoblauch und Zitronenöl, aus Thymian in meine Nase. Des nachts tragen Düfte weiter, die Hitze tagsüber drückt sie eher in den Staub am Straßenrand.
Der blutfrische Fisch wird vornehmlich in der Markthalle gekauft. Endstation für das, was den Fischern ins Netz ging oder den Bauern in den Korb gelangte. Die große Halle ist angenehm temperiert. Nichts Lautes, kein Geschrei. Hier bietet still, wer was zu bieten hat. Ein Schwätzchen, ein paar Euroscheine, fast keine Touristen, nur fotografieren, da sind sie etwas eigen, wollen nicht, dass man etwas nur ablichtet, ohne es zu probieren.
Auf einer der Metallschrägen liegt ein großer Fisch und starrt an die Hallendecke, so, als wollte er es nicht glauben, dass es eine Kraft gibt, das stärker ist als er selbst. Man trennte ihm den Kopf hinter den Kiemen. Es war wohl in der Nacht, nur eine kleine Ewigkeit seit seines erloschenen Seins.