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Titel
Ohrenzeuge
Der Text
Manchmal werde ich unfreiwillig Zeuge unbedeutender Gespräche, sitze in meinem Stammlokal am Markt und genieße den Sonnen/Regenschutz einer Pergola, die sich über zwei Tischreihen hin zum Markt breitet. Von hier lässt sich das Getriebe beobachten, lässt mich Teilhaber von Gesprächen werden, die mehr über Leute aussagen als sie selbst sagen.

Kleine Schicksale ebenso wie Charaktäre mit großem Auftritt an kleinen Tischen. Oft frage ich mich, ob dem Erzähler bewusst ist, dass er seine Geschichte nicht nur dem erzählt, für den sie gedacht ist, sondern alle daran teilhaben lässt, die sich in der Nähe befinden....

An meinem Nachbartisch sitzt sie, die stark geschminkte Dame mit reichlich Kette, Nagellack und Stöckelschuhen, auf denen der aufrechte Gang wieder neu erfunden werden müsste. In gleicher Höhe ihr Hund von der Sorte "Weiß auch nicht wer mein Papa ist, von Mama ganz zu schweigen"...

Sie ist nicht allein. Ihre Bekannte bestellt wie sie einen Cappuchino, das Getränk beim Italiener. Der Ober bedient erst den Hund unterm Tisch. Eine Wasserkaltschale ohne Kohlensäure. Italiener sind gut zu Hunden, nicht zu Zugvögeln, notiere ich. Später stelle ich fest, dass der Italiener Türke ist.

Die beiden Damen unterhalten sich über Kleidung und Scheidung, über eine anstehende Hochzeit einer Verwandten mit einem Araber, der sie mit zweihundert geladenen Gästen für 10000 Euro in der Nähe feiern möchte....Alles ohne Alkohol! spricht sie, und erzeugt auf dem Gesicht ihrer Freundin eine mittelschwere Erschütterung. Ich vermute Gedanken wie: Huhn und geschächtetes Lamm zu Sinalco und Wasser. Als Abschluss zu Mitternacht ein Glas Tee.

Noch während ich mich der neutralisierten Hochzeit ohne schweren Kopf am Morgen gedanklich widme betritt ein Wesen die Szene. Das Wesen kennt offensichtlich die Beiden, rauscht auf sie zu und verkündet in wallende bunte Tücher gehüllt:

"Hilde, ich komme direkt aus Afrika!!!!!" Hilde klingt wie Hilfe.

Bis auf den Hund unterm Tisch drehen sich sämtliche Gäste in die afrikanische Richtung. "Ich darf doch?" Sie entnimmt den Stuhl neben mir und setzt sich zu den Beiden. Ich beschließe zu bleiben...
Der Ober notiert einen weiteren Cappu mit doppelt Sahne und Doppelkeks.

"Ihr müsst euch vorstellen, diese Hitze, diese Hitze!" Mit dem Halstuch unterstreicht sie diese Hitze, indem sie sich damit zufächelt und gleichzeitig etwas Patchuli über mein Weizen streichen lässt. "Sie sagten, dass es seit sechs Jahren keinen Regen gab. Alles trocken. Habe eine Vatermogana gesehen über der Salzpfanne, als wenn da Wasser wäre. Und mein Hubert hat alles bezahlt. Er hat ja seine Beamtenpension." Meine Gedanken schweifen auf deutsche Versorgungshängematten, Abteilung Pensionen, etwas ab von der Salzpfanne.

"Was mich am meisten verwundert hat war aber diese Ungezwungenheit der Einheimischen. Sie kommen auf einen zu und fassen das blonde Haar an. Das haben sie da ja nicht. Alles schwarz." Ich überlege zu zahlen. Die beiden Tischnachbarn hatten sich weit von der alkoholfreien Hochzeit entfernt und lauschten der Stimme Afrikas.

"Hier hat es die Tage geregnet..." der Versuch von Afrika wieder nach Europa zu gelangen gelingt nur halb. "Habe ich alles auf dem Smartphone gelesen, sagt Afrika. Habe noch gesagt, Hubert, in Deutschland ist Regen. Nur die Duschen hatten keinen Druck! Dann haben wir Krokodil gegessen!"

Tisch 5 und 6 wollen zahlen. Ich auch. Und als ich gehe, beuge ich mich etwas unter den Tisch und spreche die Worte: "Du armer, armer Hund!"
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch