Der Text
Ich sah den Melder an. Selbst in der herrschenden Dunkelheit, die die Gräben überzog, konnte ich ihn sehen. Sehen war in diesen Zeiten wie eine Lebensversicherung. Wer zu spät sah, oder nicht das Gespür dafür hatte genau dort hinzusehen, wo es wichtig war, der lebte nicht lange. Ab und an huschte eine Leuchtkugel über die Totgeburt einer Landschaft.
Meine Zeit ganz vorn war bereits seit einer halben Stunde um. Eine halbe Stunde länger Schlaf war damals eine Menge. Der Melder tippte auf seine Uhr und flüsterte:
"Soll ich ihn holen?"
"Lass ihm noch ein Weilchen, er hat noch was gut bei mir."
Aus den blühenden Feldern war ein Acker geworden. Der Krieg hatte ein großes Grab geschaufelt, in das täglich hunderte hinein sprangen. Cambrai, Laon, Verdun...Eine Höhe wurde genommen, ein Graben verteidigt, ein paar Meter Geländegewinn. Bald schon alles wieder nach hinten.
"Schau mal nach ihm, er ist schon eine Stunde drüber, ich werde unaufmerksam." Ich konnte wegen der Dunkelheit nicht sehen, ob die Ablösung rechts und links von mir längst erfolgt war. Jetzt schoss der Franzose Sperrfeuer. Es hörte sich an, wie ein heran rollender Zug, dem ein ohrenbetäubender Krach folgte. Die Granate, die dich tötet, die hörst du nicht.
Endlich kam der Melder zurück. Allein. Er keuchte was von Volltreffer, und dass es den Unterstand komplett erwischt hatte, wie er sich ausdrückte. Wir beide falteten kurz unsere Hände und sahen zu Boden. Die Nacht war jetzt plötzlich taghell. Aus dem Schlamm sprangen sie. Es war keine Zeit mehr zum Gebet.
Wie du siehst, habe ich überlebt. Sonst wärst auch du nicht da.
Dieses Gespräch mit meinem Opa kam mir wieder in Erinnerung. Jetzt, nach 100 Jahren, als der Erste Weltkrieg seinen traurigen Anfang nahm.