Der Text
Sie fragt mich:
"Ist heute auch Sonntag?"
Ich verstehe ganz langsam, was sie meint, und versuche ihr den richtigen Wochentag zu erklären. Man muss wissen, dass sie vergisst. Ihre Frage ist aus einer eigenen, anderen Welt. Einer Welt, die von Vergesslichen bewohnt wird. Zumeist in Einzelzimmern ohne Datum und Tür, dafür mit vielen Wänden. Jeder Tag erscheint wie der andere, und wie lange wird es wohl dauern, bis ich ihr sage, dass es Morgen ist oder Abend? Sie ist schreckhaft bei jedem noch so kleinen Geräusch, das nicht ins interne Geschehen hinein passt, hört erst auf zu essen, wenn wirklich alles aufgegessen ist, was auf dem Tisch steht. Dafür vergisst sie das Trinken.
Ich gebe ihr kleine überschaubare Aufgaben, die sie bisher immer routiniert erledigt hat. 2 Personen brauchen 2 Bretter, Gabeln und Messer zum Abendbrot. Sie deckt den Tisch nicht nur für sich. An meinem Platz finde ich einen verpackten Brühwürfel und eine Tube Tomatenmark. Sie wird darüber nachgedacht haben, was mir früher einmal schmeckte. Nicht über das Abendessen, und wie man einen Tisch vorbereitet.
Gern holt sie alte Bilder hervor. Ganze Alben liegen herum, in denen sie sucht. Bekannte Gesichter, Landschaften, Häuser. Immer wieder gehören die Bilder zum Tagesverlauf. Als bildeten sie eine letzte Brücke zum Bewusstsein. Manchmal steht sie vor so einem Bild an der Wand und fixiert es minutenlang. Es scheint ihr eine Frage zu stellen, an deren Beantwortung sie arbeitet. Kennst du mich noch? Du hast mich geboren.
Manchmal ertappt sie sich bei einer unlogischen Antwort. Es ist ihr dann peinlich, wenn ich so darüber hinweg gehe, wie es mir möglich ist. Manchmal bin ich ungeduldig und wütend mit ihr, und dann denke ich, dass sie dafür nichts kann. Ich muss verstehen, nicht sie.
Wir gehen ein paar Meter durchs Feld, das noch keine großen Anstrengungen macht grün zu werden. Dennoch finden wir am Rand der Straße einige Weidenkätzchen. Wir sprechen darüber. Dabei fällt das Wort Frühling. Eine gedankliche Verbindung entsteht, und ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.
Frühling.
Es steht da in ihrem Raum mit den vielen Wänden und den verschwundenen Türen, und ich weiß wie gern sie ein Fenster öffnen würde, um etwas davon herein zu lassen. Zu ihr, die es noch gibt, auch wenn alle Tage Sonntag ist. In ihrem Lächeln, das aus einem zufriedenen Gesicht kommt, ist soviel von damals.
Wir gehen ins Haus. Morgen werden Märzbecher zu finden sein und gelbe Blumen. Und ein lauer Wind wird um ihr alt gewordenes Gesicht streicheln, und sie wird vielleicht fragen,
ob heute auch Frühling ist.....