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Titel
Die Unterführung
Der Text
Einer der letzten Busse näherte sich der mit spärlichem Restlicht ausgestatteten Haltestelle, fuhr an ihr fast vorbei, hielt dann aber doch, um sie einsteigen zu lassen. Im Bus war außer dem Fahrer nur noch ein Gast, der auf der letzten Bank am Fenster saß und anscheinend reglos herausschaute. Sie setzte sich hinter den Fahrer und hörte auf das Zischen der Hydraulik, die die Tür schloss. Es war einer ihrer wöchentlichen Wege nach Hause, wobei sie sich aus Sicherheitsgründen angewöhnt hatte es per Handy kurz mitzuteilen, wenn sie einstieg.

"Steige jetzt ein! C."

Die Routinefahrt führte sie an vier Haltestellen vorbei, an denen der Fahrer nur kurz innehielt, weil niemand sonst noch zuzusteigen gedachte. In ihrem Kopf bewegten sich Gedanken an den vergehenden Tag, an den Morgen vor ihrer Prüfung, an Fragen, die sie gleich daheim erörtern wollte, als sich plötzlich etwas dazwischen drängte, von dem sie in der Art nie zuvor etwas ähnliches verspürte. Man könnte es als Unsicherheit bezeichnen, eine vorübergehende Irritation, etwas, was störte, aber nur so, als wäre es ein Luftzug durch eine nicht ganz geschlossene Tür, einen spaltbreit geöffnet.

Noch eine Haltestelle, dann würde sie ihren Weg an der frischen Luft fortsetzen, an den Platanen vorbei, durch die Unterführung mit den Schmierereien, um dann die Hecke zu passieren, die zum Hauseingang führte. Ihre Hände tasteten in ihrer Tasche nach dem Pfefferspray, fanden es aber nicht. Sie fragte sich, ob der letzte Gast hinten nun den Bus schon verlassen hatte, oder noch aus dem Fenster schaute. Jetzt stand sie auf und stellte sich neben den Fahrer, um auszusteigen. Eine innerer Stimme drängte sie nach hinten zu schauen, ob sie das Gesicht noch sehen konnte, den Kopf, der ihr vorhin auffiel. Etwas zwang sie dazu es nicht zu tun, da sie der Angst keine Nahrung geben, und es gar nicht wissen wollte, oder doch?

Sie war schon einige Schritte unterwegs, als der Bus entgegen der Gepflogenheit nicht sofort weiterfuhr, sondern die Tür sich erst jetzt schloss. Zu Beginn der ersten Bäume am Straßenrand, dem es an Beleuchtung fehlte, obwohl sich viele der Bürger dafür eingesetzt hatten. Es waren wohl zu wenige, die die Strecke fuhren, um der Stadt das Geld zur Verfügung zu stellen. Da ihr die Person hinten im Bus nicht aus dem Kopf gehen wollte, ja sich sogar plastischer ausmalte, da sich kein anderer Gedanke als Gewissheit zu haben aufdrängte, wagte sie es doch, sich einmal umzudrehen, nach hinten über die Schulter zu schauen, um ganz sicher zu sein, dass sie sich irrte...

In einiger Entfernung sah sie die Rücklichter des abfahrenden Busses, die Lichter der lebendigen Stadt und hörte ihren eigenen Atem. Sonst nichts. Es war ihr anscheinend niemand gefolgt, aber warum hielt der Bus länger als nötig, um weiter zu fahren? Was passierte hinter ihrem Rücken während sie weiterlief? Wie sie bemerkte, etwas schneller als gewöhnlich, aber ohne gleich zu rennen. Leider lag vor ihr noch die Unterführung. Wenige Meter eines dunklen Ganges, der immerhin an seinem Ende das erste Licht einer Straßenlaterne hindurch ließ, etwas Beruhigendes.

Kurz davor summte ihr Handy in ihrer Tasche. Obwohl sie wissen wollte, wer sich für sie interessierte, um dann zu antworten, beabsichtigte sie den Durchgang schnell hinter sich bringen. Es konnte nur ihre Schwester sein, die sich vergewisserte, wo sie im Moment war. Sie sprachen häufiger über ihren Heimweg im Dunkeln, über das, was oft zu lesen war. Bis heute war alles gut gegangen. Bis zur Unterführung wo sich am Ausgang statt des ruhigen Laternenlichts ein Schatten bewegte. Es kam ihr etwas entgegen. Etwas, das auf die andere Seite des Tunnels unterwegs war...
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein