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Titel
Die Vertiefung
Der Text
Aus einer Laune heraus kam ich vom Weg ab, ging durch raschelndes Laub des Waldes, in dem ich die wichtigen Jahre meines Lebens verbrachte, wenn man das so sagen darf. Man vergisst so manches, aber nicht gewisse Stellen.... Noch war nicht genug Laub in die Vertiefung gefallen, ich konnte sie immer noch erkennen und scharrte viel Laub mit den Füßen frei, bis ich auf den Grund kam. Ich blieb einfach stehen. Was sich mir bot war schwarze Erde, zu der das Laub geworden war, Wurzeln die zu den hohen Bäumen führten und jene spürbare Kühle, die mich in Gedanken in die Pfingstzeit zurück führten. Damals, ach damals.....

Mit Spaten und Hacken sind wir dabei die Grube auszuheben. Verschwitzt am Nachmittag ist sie endlich fertig. Zwei Stufen bis zum Boden, ein kleiner Absatz, die Küchenzeile...Angeschleppt so manchen frisch belaubten Zweig der Buchen, ein kleiner hellgrüner Dom über der Grube, an deren Licht man sich erst nach und nach gewöhnt. Es riecht nach Walderde, nach frischem Laub wie gemähtes Gras, nach Saft und Leben. Die Sonne wärmt draußen, über dem hohen Dach der Bäume, nicht hier drinnen. Ein Ofen soll her, einer aus Backsteinen, die Fugen mit Lehm verstrichen, eine Feuerstelle, die wärmt, auf der man etwas zubereiten kann. Zum Beispiel Walderdbeermus, oder Heidelbeeren mit Dosenmilch darüber. Dazu die Töpfe aus der Puppenküche der Schwester als Inventar. Esbit Würfel mit ihrem bläulichen Feuerschein und dem Geruch von Marzipan. Im Töpfchen blubbern selbst gesammelte Walderdbeeren.

Da hinten ist mein Platz, weiter vorn die Gesichter der anderen. Jung mit wilden Strähnen, aufgeregten Stimmen, in denen etwas Stolz auf unsere "Butze" mitschwingt. Der feuchte Lehm beginnt zu dampfen durchs kleine Feuer; das große in uns erwärmt von Innen. Ich denke nicht dran, dass es sich mir einprägt. Eine Idee, die schnell umgesetzt wird ist ein Fenster durchs Geäst nach draußen, nicht für Erwachsene, nicht zum Reinschauen. Dicht gedrängt erscheinen die Baumeister zum Mahl, jeder mit einer Untertasse, auf die ein Klecks angebrannten Erbeermus gegeben wird. Die Dosenmilch verläuft, wird rosa. Es bleibt lange hell. Hat da wer gerufen? Sollen wir rein? Überhört!

Ich brauche nicht mehr weiter zu scharren. Etwas schwarze Erde genügt. Das Laub wieder darüber von längst gefällten Bäumen, die wohl befremdet auf das schauten, was unter ihnen geschah damals, ach damals...

Es soll keine Spur mehr sein wie damals, wenn der Letzte die Eingangstür mit einem Laubast zuzog, und damit draußen von drinnen trennte. Wer konnte schon ahnen, dass der kleine Lehmofen große Wünsche erfüllte, und die strenge Frage nach der Dosenmilch mit einem "Ich weiß nicht?" beantworten würde? Nur der rote Erdbeermund verriet die Wahrheit. Verziehen.

Ich lasse alles zurück. Den Wald, das schwarze 60jährige Laub in Lagen aufeinander, vom Frühling und vom Schnee bedeckt, an jene gedacht, die längst nicht mehr dabei sind und die, denen so etwas heute nicht fehlt. Wer hat schon einen Wald? Wir hatten einen Ofen, und jedes Jahr ein neues Dach zu Pfingsten. Wenn das nicht mehr als alles war?
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein