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Titel
Die Weihnachtswelle
Der Text
Es geschah die Merkwürdigkeit einer beharrlichen Wiederholung, einer Art Freitagabendstimmung vor einem Wochende, an dem sich die Knochen etwas strecken ließen und die Sehnen sich entspannten. Sie bestand in einer unglaublich langen Dünung, so, als wäre eine Welle ein ganzes Jahr unterwegs, umrundete die Erde in ihrer eigenen Ausdauer und traf pünktlich wieder ein, wie die geforderte Steuererklärung.

Nur dass diese Welle voller Glimmer war, auf der Krone den Schaum der wirtschaftlichen Erwartung, den Geruch des Business, der an den Strand heller Kinderaugen gespült wurde. Sie traf pünktlich am 24.12. ten auf Land, überwand alle Deiche der Abwehr, und verwüstete wie in den Jahren vorher ganze Landstriche der Hoffnung auf weniger statt mehr.

Sichtbar wurden keine Opfer beerdigt, keine Gruben für sie ausgehoben, kein Aufruf für Spenden für die falsch Beschenkten, plötzlicher Liebe Erdrückten, entdeckten Totgeglaubten in eigener Verwandtschaft, verheißungsvollen Geschäftspartnern und Lobbyisten, Gönnern und Günstlingen. Die Beerdigung fand in aller Stille statt.

Der Gräber war beeilt vor dem Regen die Grube zu verschütten, denn sie war gößer als im letzten Jahr, als die Hoffnungen noch kleiner waren.
Typ
Weisheit
Autor
Burkhard Jysch