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Titel
Die Warnung
Der Text
Alle Seen waren zugefroren. In den Wochen hatte sich eine immer dicker werdende Eisschicht gebildet. Es reizte mich den See zu erkunden auf der Suche nach Bildern, die unter der Eisschicht nur hier zu finden waren. Auf meinen Schlittschuhen führte mich der Weg über leicht verschneites Terrain, das an manchen Stellen vom Wind leer gefegt war, so dass der Blick frei auf darunter liegende Welten wurde, die ich erhofft hatte.

Unter mir sah ich diverse Luftblasen und Bläschen, mal größere, mal kleinere, als wären es Wolken an der falschen Stelle der Welt, nicht am Himmel. Im Gegensatz dazu blieben sie still und warteten auf etwas, vielleicht eine Befreiung? Manchmal aber bewegte sich etwas. Es sprang zu einer anderen Blase, oder wurde durch mein Gewicht in eine andere Richtung gedrückt. Ich sollte vielleicht diesen Platz verlassen, so deutete ich es jedenfalls.

Das Eis selbst war sehr klar und ermöglichte mir eine Sicht, die in eine dunkle Tiefe reichte, die man als Schwarz bezeichnen konnte. Vom Hörensagen war der See hier einige Hundert Meter tief, und im Sommer beliebtes Ausflugsziel. Besondere Schlagzeilen hatte er nicht zu verzeichnen, bis auf einen Badeunfall vor einigen Jahren. Ich hörte bis auf das Schleifen der Kufen nur den Wind, der mir ins Gesicht blies. Manchmal sah ich Risse, helle Schichtpfade, die sich in der Ferne verloren. Das Eis schien zu arbeiten... Zu keiner Zeit war ich mir einer Gefahr bewusst, bis zu dem Moment, wo ich die Enten sah. Einige hatten sich zusammen gefunden, und schienen auf kleiner Fläche zu schwimmen, andere standen am Rand der Stelle herum und hatten ein Bein angezogen.

Fast gleichzeitig hörte ich erstmals das Geräusch. Es erinnerte mich an das alte Scheunentor, das lange Zeit nicht geöffnet wurde und jetzt, da ich es versuchte, eben dieses Knacken erzeugte. Und ich sah den Riss, der sich vom Entenplatz ausgehend, nah bei mir vorbei hin zum Ufer bildete. Dazu kamen weitere, die zuvor noch nicht zu sehen waren. Es waren frische Spuren, frische helle Spuren über schwarzem Wasser. Ich beeilte mich umzukehren. Direkt zum Ufer zögerte ich einen der frischen Risse zu queren, und wählte einen kleinen Umweg in der Hoffnung, möglichst rissfreies Eis zu finden. Dazu trat erster Nebel auf. Ganz plötzlich muss eine warme Strömung gekommen sein, die ihn herab sinken ließ, und mit dem Weiß des Eises verschmelzen.

Das Ufer konnte nicht weit sein. Ich hörte Fahrzeuggeräusche, sah aber nichts mehr. Nichts als Weiß, das ich in der richtigen Richtung zu durchdringen suchte. Zu meinem Schrecken ließen die Fahrzeuggeräusche nach, so dass ich fast sicher war mich vom Ufer zu entfernen.

Nein, ich war sicher.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja