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Titel
Die Weihnachtsüberraschung
Der Text
Natürlich kann ich mich an die erste faustdicke Täuschung meines Lebens nicht mehr erinnern. Erinnerung setzt erst dann ein, wenn gewisse Areale im Hirn gewachsen sind. Wo genau sie liegen, habe ich bis heute nicht heraus gefunden. Schleierhaft auch, dass mir mehrere Jahre hintereinander zur Weihnachtszeit ein Typ ins Haus brach, der in langem Mantel aus Sackleinen, einem ungepflegten Bart, und zu allem Übel noch einen maroden Sack hinter sich her schleifend, unangenehme Fragen stellte.

Er wusste beispielsweise, dass ich Spinat schneller ausspuckte, als er mir eingeflößt wurde, wusste von meiner Vorliebe für Theater, das ich anstellte, wenn mir statt der Mama die Nachbarin ein gute Nachtlied anstimmen wollte. Später dann erneut erst die Fragestunde mit gelobter Besserung, und erst danach die schöne Bescherung. Mit zunehmender Erinnerungsmasse wuchsen die Fragen, ob es sich um ein wieder einmal vermisstes Familienmitglied handeln könnte, das immer dann fehlte, wenn der Rauschebart an die Tür polterte.

Dann kam der Abend der Wahrheit. Alles lief wie gewohnt. Unruhe rings umher, Heimlichgetue, Adventskalender mit Vorfreude Effekten, Tanne, wo sonst das Sofa stand, Gans statt Erbsensuppe.

"Ihr dürft jetzt rein"!

Ich hatte nicht mehr nur einen Anfangsverdacht. Die Erwachsenen hatten nicht die Kurve bekommen, dass ich "erwachsen" wurde. Ein letzter jämmerlicher Versuch ging im wahrsten Sinne des Wortes in die Hose.... Mit drei beachtlichen Faustschlägen an die Tür kündigte sich das Unheil an. Wieder erschien, mit einem Familienmitglied weniger auf dem Sofa, der Typ. Kaum hatte er den Sack abgesetzt, seinen strengen Blick in die Runde geworfen, meine gespielte Furcht durchschaut, traute die Familie ihren Augen nicht. Aus der Falte seines Mantels trat Rauch! Weißer Qualm unter zerschlissenem Sackleinen....

Es war ein Unglücksfall. Trotz eindringlicher Arztempfehlung konnte Opa nicht von seinen geliebten Zigaretten lassen. Er hatte sich noch eben eine angesteckt, und sie in der ganzen Aufregung nicht ausgedrückt, sondern sie in seiner Tasche vergraben....

"Wilhelm, du brennst"!

Mit diesem endgültig entlarvenden Schrei beendete meine Oma so ziemlich alles, was noch an Zweifeln übrig war. Und damit eine meiner schönsten Illusionen, dass es den Weihnachtsmann tatsächlich gab.
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja