Text 252/628

Titel
Die Wäscheleine
Der Text
Wer macht denn sowas? Wo bitteschön hängt noch Wäsche auf der Leine, die, alle paar Meter von einer Holzstange gestützt, ihre schwere Aufgabe über den Tag erledigt, indem sie alles trägt, was man ihr zumutet? Manchmal, bei etwas stärkerem Wind, konnte ich von weitem schon hören, wie die blendend weißen Bettlaken um sich schlugen, als galt es einen Feind zu vertreiben...Zwischen vier oder fünf Hauptpfeilern aus solidem Beton war ein starker Draht gespannt. Er hielt so ziemlich alles, was mit Wäscheklammern an ihm befestigt war. Manchmal mehr, manchmal weniger. Von hundertfach benutzten, ausgeblichenen Holzklammern gehalten, schlug das Weiße gegen das Blau des Sommerhimmels, roch es in der Nähe nach Stärke und Waschpulver der frühen Generation. Manchmal sprang eine der Katzen an einem übermütigen Band hoch und spielte mit ihm Katz und Maus.

Am späten Nachmittag war alles meist trocken, wurde im großen Weidenkorb abgelegt und ins Haus getragen. Die Leine zeigte sich fast traurig in ihrem dumpfen Grau, das so nichts mit dem herrlichen Tag zu tun hatte, hier und da eine vergessene Wäscheklammer, und nichts als Wiesengrün ringsum, das perfekt zum Löwenzahn passte. Beim stillen Gang durch meine Erinnerung riecht es nach neuem Gras. Weich und säuerlich, mit einem betörenden Hauch des einfachen Flieders neben der Ligusterhecke.

Der Wäschetrockner bei uns im Keller steht gleich hinter der Tür, die in den feuchtkalten Raum führt, an dessen Wänden die Farbe ihren Geist aufgibt. In Betrieb sind wir gehalten die Türen zu schließen, weil sonst die Haustür beschlägt, die nach draußen führt

in die Gegenwart.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja