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Titel
Die Orgie
Der Text
Ich bezahlte meine geringe Miete pünktlich zum Monatsanfang, bewegte mich leise im Hausflur bis oben hin unters Dach, wo ich jenen Raum angemietet hatte, der bei den meisten Häusern eher leer steht, und bei dem kurz vor dem Himmel die Dachpfannen zu zählen sind. Einmal aber, so Anfang Juni, gab ich eine Maibowle. Den Frühling zu begrüßen mit all den Freunden, die ich mittlerweile gesammelt hatte, wie andere Briefmarken. Im Mai klappte der Termin komischerweise nie, da man für eine Bowle umfangreiche Vorkehrungen treffen musste.

Bei dreiunddreißig Quadratmetern Wohnfläche incl. Sitzbadewanne, lud ich etwa vierzig Leute ein, um den Schwund, der ja immer war, aufzufangen. Es kamen aber mehr....

Es begann mit dem Rezept für die Bowle. Der Clou war ein winziger Zweig Waldmeister, der immer fotografiert wurde, wie ein Überlebender eines Flugzeugabsturzes. Das Gefäß für die Feier war einmal eine Babybadewanne gewesen mit Stöpsel. Das Gemisch aus antialkoholischen Getränken, Früchten und durchaus auch alkoholischen Zutaten war derart gewählt, dass man den Stöpsel am Boden NICHT sehen konnte. Es gab den Einen oder Anderen, der einer gewissen Versuchung zu leicht erlegen sein könnte, ihn einfach zu ziehen. Sie trudelten ein. Von 20 Uhr bis zum Ende gab es ein Kommen und Gehen. Die unter mir wohnende Dame war halb taub, der Dackel im Erdgeschoss heiser vom Bellen, wenn einer reinkam, und ansonsten hatte ich mit einer Hauswurfsendung auf die Maibowle hingewiesen. Man erwartete nicht Gutes und begab sich zu Verwandten.

Wir saßen auf dem Boden, jemand stand auf dem einzigen Mülleimer in der Küche, andere versuchten, halb aus dem Velux ragend, etwas Luft zu schnappen. Es wurde geraucht! Die Musik kam aus Waschmaschinen großen Boxen, die ich auf Anleitung von "Boxen Werni" selbst gebaut hatte, und einem 700 Liter Becken darüber Heimat von Scalar und Neon waren. Zu Beginn wurde alle Jahre wieder die Hymne gespielt. Die Gruppe "Marillion" brachte damals auf einem Live Konzert die Overtüre aus der "Diebischen Elster" von Rossini als INTRO, und begann danach kräftig zuzuschlagen. Ein klassisches Stück, das sich langsam steigerte, und in einem Schlagzeugsolo den Abend eröffnete, als müsste sich der Meister selbst halb aus dem Grab erheben.

Der Pegel in der Badewanne begann zu sinken. Die Toilettenfrage war nur theoretisch ein Problem, da der bescheidene Raum besetzt und blockiert wurde von jenen, die meinen Kellerschlüssel fanden, und von meinen Sektvorräten wussten...Mein Untermieter aber, der natürlich auch eingeladen war, stellte seine Toilette zur Verfügung statt Gastgeschenk. Ich erinnere mich jeweils an eine durchaus ausgelassene Stimmung, die am Folgetag aber etwas abfiel, wenn ich mich an den Abwasch machte. Der Kreativität meiner Gäste waren kaum Grenzen gesetzt. Ich war einfach froh, dass sich jeder freute. Auf der Wäschespinne im zweiten Stock des Hausflurs hatte man sich Mühe gegeben, um Gurken- und Möhren Scheiben, sauer eingelegt, an Wäscheklammern zu trocknen, zwei meiner Küchenmusikboxen versetzte man aufs Dach.

Das Schöne war, es kam niemals Polizei! Die war nämlich schon da! Manche Gäste muss man einfach immer wieder einladen. Sie kommen gern im Frühling und halten Störer fern von jeder Geselligkeit.
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja