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Titel
Die Yorkshire Moores
Der Text
Wenn es jemand einmal einfällt über das Nichts zu schreiben, dem empfehle ich einen Trip in die Yorkshire Moores. Nach einem Tagesausflug mit dem Wagen über die windigen Straßen eines Landstrichs, der vergessen scheint von der Zivilisation, und größtenteils auch von der Vegetation. Am Abend nach der Tour wird er sein Notizheft öffnen, um etwas Erlebtes niederzuschreiben, und, ebenso wie ich, den Schreiber erst einmal beiseite legen.

Vor den Augen immer noch die zahllosen Kurven um etwas, das eigentlich nicht ist und doch zur Lenkbewegung zwingt, die um die nächste und die nächste Kurve doch wieder ins Nichts führt. Im krassen Gegensatz zur verklinkerten Westwelt hält sich das Leben hier flach. Soeben über der torfigen Erde, in die man etwas einsinkt, als wäre es ein Belag in einem der englischen Pubs.

Das einzige, was das Ohr wahrnimmt, ist der immerwährende Wind, der darüber wacht, dass nichts höher wächst als er erlaubt. Ab und an kreuzen ein paar Schafe die Straße, die von Fahrzeugen soviel wahrnehmen wie ein Rentner, der die Nachrichten nicht mehr glaubt. Wären da nicht weiß bemalte Steine als Wegmarker, man könnte meinen, dass alles vom Heidekraut bis zum Goars, eines ginsterartigen Strauchs mit Stacheln, unbetreten ist. Und manchmal nicht einmal gesehen.

Man wird weder überholt in den Stunden der Fahrt, noch überholt man. So allein gelassen mit sich und der Natur fühle ich ein Unbehagen, das sich ausbreitet, wie die Landschaft um mich herum. Hügelig bis zum Horizont, der aus Versehen an den Himmel stößt. Irgendwo soll das Meer sein. Nicht weit. Aber was ist hier weit? Und plötzlich ist da der Einschnitt im Hügel, der tiefer als sonst reicht, ist da ein Himmel, der milchig blau ein paar Möwen trägt und mir das Meer für einen Moment zeigt, in dem ich aussteigen muss.

Drücke die Tür gegen den Wind, der sie sofort zuschlägt, und sehe im Tal die Ortschaft Whitby. Versteckt vor der Welt und der Obrigkeit seinerzeit, als es noch Schmuggler gab, und mehr Spelunken als Wohnhäuser. Sehe die alte Abtei auf der anderen Seite der Bucht, in der sich Fischerboote zu Tode langweilen. Also doch Menschen hier.

Ich erliege meiner Neugier und fahre hinunter. Setze mich in eines der Fischrestaurants und bin wieder Teil der Zivilisation, die ich stundenlang verlor und gar nicht vermisste. Hinter mir flickert ein Automat, der auf Coins wartet, um Geld auszuschütten für den, der Glück hat. Wenn der wüsste, dass es jenseits oben auf den Hügeln liegt, zwischen Heidekraut und Himmel. Jedenfalls für mich.

Am Abend habe ich vor, etwas über diesen Tag zu Papier zu bringen. Es gelingt mir einfach nicht bis heute. Immerhin ist Zeit vergangen seit den Tagen des Spätsommers 1997.....
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch