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Titel
Die Waldangst
Der Text
Der Nebel hatte sich des Waldes bemächtigt, ohne ihn vorher zu fragen. Hatte ihn sich genommen als wäre er sein Eigen. Baum für Baum, Krone für Krone, und selbst in die Niederungen der Wurzelwerke war er gekrochen, als hätte er eine gewisse Angst entdeckt zu werden. Als Flüchtiger konnte er sich keine Schwächen erlauben. Er musste stark auftreten, um einem mächtigen Wald zu zeigen, dass er einer ist, mit dem zu rechnen war.

Wenn wir dennoch in den Wald in seinem jetzigen Zustand eindrangen taten wir es, um unsere Angst zu besiegen. Liefen auf Stämmen, die im Nichts sehr bald verschwammen....der Stamm konnte plötzlich gebrochen sein... Vom Sturm aufgeworfene Erdteller, an denen hilflos Wurzeln ins Nichts griffen waren Schatten, vor denen wir Respekt hatten. Riesen, die nach uns griffen und uns in den kleinen See unter sich werfen konnten, wenn wir nicht rechtzeitig auswichen. Roch es mehr nach Lehm oder Harz, war der ach so grüne Hasenklee im Nebel nur grau und nicht mehr herrlich sauer, kam der Glucksebach anderswoher als sonst, und wer kam auf die blöde Idee überhaupt gerade jetzt in den Wald einzutauchen, anstatt eine Stunde zu warten, wenn die Sonne durchs Holz brach?

Wenn sie es aber tat, waren es magische Momente, in denen sich Stege bildeten bis hin zu den Wipfeln, schräge begehbare Stege, auf denen unsere kleinen Füße zwar keinen Halt fanden, dafür aber unsere Fantasie, die nicht viel brauchte, um Halt zu finden. Was, wenn wir über die Kronen hinaus einfach weiter streben konnten ins Blau eines Sommertages, eine Wolke zu berühren an ihrem Rand? Wie würde dann der von uns geliebte, gefürchtete Wald aussehen? Und wie wir selbst, auf die wir sahen als Beobachter gleichsam wie Beteiligte?

Es veränderten sich die Stege mit jeder Minute. Was eben noch eine Autobahn schien, wurde zum Steig, der gefährlich eng soeben noch an den Tannen vorbei schrammte, den dunklen von Meyers Waldeck, das sich selbst überlassen sowieso ein Eigenleben führte, wie sein Besitzer, ein Dorfaußenseiter selbst. Niemand räumte hier auf, sägte etwas ab oder kümmerte sich um den Verfall. Es war unser liebster Raum, den wir deshalb suchten, weil in ihm Ameisenhaufen waren wie nirgends sonst, und Himbeeren, wie wir selbst verrankt und unbändig. Wir kannten nicht die Namen der wilden Orchideen an einem seiner Teiche und wussten nur, dass es sie nur hier gab.

Einmal verliefen wir uns etwas und stießen doch tatsächlich auf eine Hütte, die wir einmal gebaut hatten. Das war im Traum Jahre später. Ich erschrak, weil sie noch alles hatte, bis auf mich, der zu ihr aufsteigen wollte. Die ohnehin schwach gezimmerte Leiter hatte keine Sprossen mehr. Eine Leiter ohne Sprossen in einen Baum der Vergangenheit, der noch stand....Die Angst war wieder da durch den Nebel etwas zu verlieren, aber auch das Wissen um die Sonne, die kommen würde Straßen zu bauen und Stege, Autobahnen und Wege, die weiter reichen würden als über den Wald im Nebel.

Als Meyer starb, trat an seine Stelle ein Aufforstprogramm. Wo die Ameisenhaufen waren lagerten Holzbänke, und an die Stelle des Hasenklees traten tiefe Spuren eines Harvesters, der so ziemlich
alles maschinell konnte. Baum fassen, Äste abschälen, Baum in Meterenden schneiden und stapeln. Nur eines konnte er nicht.
Träume wachsen lassen, dafür war er nicht gebaut.
Typ
Geschichte
Autor
Burkhard Jysch