Text 21/628

Titel
Alltag
Der Text
Das Bild zeigt einen Hinterhof. Es sind einfache Sequenzen einer alten Frau, die mit ihrem Besen reinigt und dabei ist, einen Haufen Blätter zusammen zu fegen. Als ganz in ihrer Nähe eine Granate einschlägt, die sehr laut hörbar ist, dreht sie sich nicht einmal um, oder sucht sogar Schutz. Es mag sein, dass sie der Krieg taub gemacht hat, die vielen Explosionen, oder hart gegen das Leid ringsum, es mag sein, dass sie ihr Leben gelebt hat, und ihr nichts mehr fehlen wird als die letzte Ordnung auf ihrem Hinterhof, eine Kehrschaufel voller verwelkter Blätter.

Mich hat der kurze Bericht einer Nachrichtenagentur mit den zufällig aufgenommenen Bildern aus dem Balkankrieg einerseits erschüttert, andererseits daran erinnert, dass das Unmögliche eines Krieges zum möglich Alltäglichen wird, dass der Mensch fähig ist abzustumpfen, gleichgültig allem gegenüber wird, wenn es davon genug gibt, mehr als genug.

In den Luftschutzbunkern zu sein war für meine Mutter damals ein Gräuel, und sie blieb draußen. Es war für sie erträglicher mit ihrer eigenen Angst umzugehen, als diese mit hunderten anderen zu teilen. Mit großem Glück hat sie kurz vor dem Bombenhagel auf Dresden diesen überlebt, da ihr Zug eine Nacht zuvor den Bahnhof Richtung Westen verließ. Zusammen mit einer Freundin erreichte sie irgendwann das Heimathaus und rannte den Berg hinab, um durch die Tür zu stürmen.

Nach einer überschwänglichen Wiedersehensfreude mit unserer Familie fiel ihr plötzlich die Freundin ein. Sie stand immer noch auf dem Hügel...Allein.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein