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Titel
Am Morgen eines Tages
Der Text
In der Früh lagen Nebelbänke im Tal vor den Bergen. Als ob es etwas Beschützbares gäbe, etwas, das vor dem Licht der Sonne so lang wie möglich verborgen sein sollte. Es bildete sich in der Nacht, füllte das Tal mit Feuchtigkeit, die sich an allem verfing, wie es Dinge tun, die in ein Netz geraten. Das Netz selbst war und blieb unsichtbar, wie so vieles auf der Welt. Im Wald stand der Nebel zwischen den Bäumen, und ließ sie noch enger zusammen kommunizieren als sonst über ihr Wurzelgeflecht. Vielleicht gingen die Nachrichten von Tröpfchen zu Tröpfchen hin und her, sorgten für Veränderungen, für Schutzmechanismen, die durch sie ausgelöst wurden, und meldeten keine direkte Gefahr durch den alten Forstrat, der auf einer nächtlichen Tour nach Haus war.

Die alten Buchen machten sich keinen Reim auf die roten Bänder, die hier und da plötzlich um sie gespannt wurden, ahnten nichts von ihrem nahen Ende, das durch einen Trupp Arbeiter bereits in der Frühe auf dem Weg zu ihnen war. Sie kannten den Weg, luden ihre Geräte ab, und gingen ans Werk. Das Kreischen der Kettensägen passte so gar nicht in die sonst so friedensreiche Stille vergangener Jahre, ein paar Rehe sprangen aufgeschreckt aus ihren Verstecken. Alles ging sehr schnell, und nach jedem Gekreische folgte ein dumpfer Schlag auf den Waldboden, dem nachfallendes Geäst folgte. Ein weiterer Riese lag am Boden. Er war noch voller Leben, hatte den Frühling schon in den Spitzen, sah einem weiteren Tag, einem Sommer entgegen, und zählte die Jahresringe lang nicht mehr.

Es sprudelte plötzlich Licht von oben, wo zuvor Schatten, es ging ein Wind, dem nichts mehr im Wege stand. Es fehlte etwas. Im Ganzen betrachtet fehlte nicht viel, nur er war ja nicht mehr da. Seine Wurzeln würden noch ihre Zeit in sinnverlorenem Warten verbringen, jedoch für Kleingetier zu einer Lebensader werden. Was mit ihm selbst geschehen würde war ihm egal.. Kein Blick zurück auf durchrauschte Zeiten, kein Zittern beim Schlag nach dem Blitz, kein Platz für den Vogel, und kein Gedanke an das was war.

Und ist es nicht so bei allen Wesen, zu denen eines Tages ein Nebel kommt, die Sicht versperrt, das Plötzliche geschieht weil es geschehen muss, damit der Kreis sich schließen mag, ohne den es keinen Anfang gäbe, kein neues Licht mit dem die neue Zeit etwas anzufangen weiß? Den Plan, den hat sie schon, nur eine Gnade ist, dass ihn wohl niemand kennt.
Typ
Weisheit
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein