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Titel
Alpengewitter
Der Text
Es kündigte sich schon tagsüber an. Mit lästigen Fliegen im Schwimmbad von Meran, mit drückender Luft und sich auftürmenden Wolken am Himmel über Südtirol. Der Abend begann früher als sonst mit seiner Dunkelheit. Zuerst nur vereinzelt, dann aber immer heftiger folgte der Regen, dem eine Böenwalze vorausging. In der guten Stube unserer lieben Vermieter versammelten sich bereits alle Mitglieder um den kerzenbeleuchteten Tisch, und auch meine Familie wurde vom Dachgeschoss nach unten gebeten. Sie kannten sich aus mit heftigen Gewittern, die anders waren als bei uns im Flachland.

An die betagte Großmutter der Familie, die ihren Platz auf dem Herd der Küche eingenommen hatte, kann ich mich noch gut erinnern. Einen Rosenkranz in ihren rauen Händen bearbeitete sie, als zählte sie die Kerne bis zum nächsten Knall, der durch das Tal rollte; an den steilen Hängen hinauf, um bald vom neuen eingeholt zu werden. In rascher Folge zuckten blaue Flammen durchs Zimmer, und alle hörten ein flehendes Maria Hilf aus Richtung der Herdplatte. In den kurzen Momenten, wenn ein Blitz die Gesichter erhellte, sah ich eine bis dahin noch nicht gekannte Angst. Als wäre der natürliche Lärm nicht genug, begann um Mitternacht auch noch das Geläut der Dorfkirche von Marling, unserem Urlaubsort.

Ihr unverwechselbares Geläut sprach dieselbe Bitte gen Himmel wie das Gemurmel der Greisin. Ob es erhört werden würde? Am Morgen würde es sich zeigen, welche Äpfel noch an den unzähligen Obstbäumen hingen, die das ganze Tal zu dem machten, was es war. Ein Paradies. Um drohendem Hagel zuvorzukommen, hatte man sich entschlossen, die Artillerie einzusetzen, die Silberjodit in die Wolken schoss, um das Schlimmste an Hagelbildung zu verhindern. Den Abschüssen folgten entfernte Detonationen, die mit dem Grollen in Konkurrenz traten. Das ganze Spektakel dauerte gefühlte Stunden, war aber tatsächlich kürzer. Das Wetter in dieser Gegend änderte sich schnell.

Beeindruckend für mich damals war der Glaube, und die damit verbundene Hoffnung auf Hilfe und Schutz von ganz oben, von dem Unsichtbaren, der allein imstande war in diesen Momenten da zu sein, wenn die Not am größten.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Nein