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Titel
Abendsand
Der Text
Wir waren nicht allein, wenn wir nach dem Abendessen auf der mit Palmzweigen überdachten kleinen Terrasse in den Liegestühlen ausgestreckt lagen, und unser Blick nicht anders konnte, als in den tiefschwarzen Himmel zu schauen. Unser Weg hierher dauerte wohl Tage, während das Sternenlicht sich zu uns auf eine deutlich längere Zeit messen ließ. Mir fiel auf, dass der Mond heute als schmale Sichel ebenso gemütlich auf dem Rücken lag, und nur schwaches Licht abgab. Keiner sagte ein Wort, jeder war damit beschäftigt die Weite dieser unendlichen Weide aus schwarzem Samt zu verstehen, in der mehr oder weniger funkelnde Blumen um unsere Aufmerksamkeit baten.

Ich war es nicht gewohnt in so einen Himmel zu schauen, in den eine übergroße Hand leuchtende Objekte gestreut haben musste, die sogar den hell weißen Sand um unsere Liegestühle beschienen. Er war immer noch tagwarm und sollte noch Tage nach unserer Heimreise aus der Jeans rieseln. Nur wenige Meter waren es bis zum Saum des Meeres, das ermüdet ans Ufer schwappte. Vor den wenigen Hütten brannten schwach Petroleumlampen, und mischten ihren Duft mit den Moskito Vertreibern, die vor sich hin glimmten. Vom nahen Waldhang kam etwas feuchte Kühle bei immer noch über 30 Grad, und brachte etwas von verwelktem Laub, ausgeblühten Blüten mit. Und da war noch etwas. Ein Friede, der zwischen allem war. Zwischen den leisen Worten der Mädchen, die sich ums Haus kümmerten, dem Geraschel eines Nachttieres, das vom nahen Hang kam, und den etwas ferneren Lichtern einer anderen Anlage dieser Bucht.

Wir waren nicht allein. Ein Mischlingshund aus der Stadt rollte sich neben uns ein, und war der Wächter für die Schildkröteneier, die hier vergraben lagen. Der Affe Billy Bauer hatte sich sein Nachtplätzchen auf einem der Äste des Cashewbaumes gesucht und wieder beruhigt. Die Vorstellung, die ganze Szene bei Vollmond zu erleben beschäftigte mich. Was machte wohl den Unterschied zwischen Meer und Nachthimmel aus, würde es ebenso wie jetzt floureszieren in unruhigen grünen Streifen, die schnell verschwanden, wenn die Welle vorüber war? Was machte das Sternenlicht im Wasser? War dann alles aus Silber?

Am Vorabend machten wir noch Bekanntschaft mit zwei jungen Seglern, die auf Welttour waren, und nur für 2 Tage gebucht hatten, aus denen aber zwei ganze Wochen wurden. Am kommenden Morgen war ihre Abreise. Dass sie ihnen sehr, sehr schwer fallen würde wurde klar, als ich Tränen bemerkte. Verstehen konnte ich das erst, als es an uns war von hier abzureisen. Es war wie etwas los zu lassen, das als Geschenk für uns gedacht war, und jetzt durch unsere Hände rieselte wie die Zeit.
Typ
Kurzgeschichte
Autor
Burkhard Jysch
Veröffentlichung erlaubt
Ja