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Titel
Aller Anfang ist nicht leicht. Fortsetzung
Der Text
"Was war das denn vorhin?" Mein Vater stellte diese Frage, noch immer etwas verwirrt, nachdem wir grußlos an den Beiden vorbei gefahren waren, und statt den selbstgebackenen Kuchen zu genießen, eine halbe Stunde in der Gegend herum fuhren. Vorzugsweise auf alten Feldwegen, die einen ähnlichen Effekt auslösten, wie die bekannte Stelle zwischen Flur und Wohnzimmer. Ich löste den Kindersitz, als wäre es mein erster Einsatz als Sprengmeister bei einer Bombenentschärfung und stellte ihn lautlos ins Schlafzimmer.

Entgegen aller Erwartungen konnten wir ein paar Stunden über alles reden, wurden nicht ein einziges Mal gestört. Sohn schlief fest, fester geht’s nicht. Bei der Verabschiedung klang ein wenig die Enttäuschung durch, den Enkelsohn im Grunde gar nicht "erlebt" zu haben, wie er im Zimmer herum tollte, und das Erbgut deutlich zur Schau brachte. Niemand konnte sich erinnern in der Verwandtschaft meiner Eltern, dass darunter ein Murmel war. Vor der Verabschiedung nahm ich die Straßenkarte zur Hand, um Autobahnrastplätze ausfindig zu machen, die auf der Route lagen.
Kaum waren wir an jener Waldecke, an der er bei der Hinfahrt die Augen schloss, öffnete er sie jetzt, um sein äußerstes Befremden darüber auszudrücken, ihm seine Familie vorenthalten zu haben. Er fühlte sich betrogen und belogen, dafür aber top fit für die Rückfahrt. Und durstig....

Erster Stopp Raststätte Allertal. Zwischen den wartenden Lkw Fahrern, von denen die Beine aus den Fenstern baumelten, suchten wir ein Plätzchen zum Stillen. Statt der Beine schoben sich jetzt neugierige Köpfe hervor. Fortan fuhren wir jeweils den nächsten Parkplatz an. Mit allen Unterbrechungen und Toneinlagen der hohen Qualität, kamen wir alle erschöpft an. Erschöpft, bis auf ihn.

Am folgenden Montag würde ich einen Arzt aufsuchen. Einen Kinderarzt, der in Rachen und Seele dieses kleinen Universums schauen konnte, um festzustellen, was der Grund war für das Theater.
Es war ja nicht so, dass wir nichts ausprobiert hätten, um ihm eine Freude zu bereiten. Weg vom weinerlichen Gezirpe mit nervtötendem Crescendo. Hin zu einer Welt, die nicht nur aus Regen und zugeparkten Autos bestand. Wir holten Girlanden. Bunte Blümchen, die sprechen konnten, oder blöde grinsende Monde, die Lalelu sangen, was nur dazu führte, dass ich selbst einschlief, wenn ich Heinz Rühmann hörte.Von Lichtspielen an der Decke durch einen Projektor, bis hin zu rührend überflüssigen Fensterklebebildern, täglich ansteigender Zahl von Stofftieren, die in der Natur längst ausgestorben waren.

Was war dran an der Tatsache, dass er kurz vorm Arztbesuch sein Verhalten änderte, sich friedvoll gab, als wäre er nominiert für den großen Schweiger unter den Einjährigen? Für den Durchschlafer, der den Schichtdienst leistenden Vater, sowie die Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs vor dem Ende bewahrte? Sollte ich mich in Weiß kleiden und die Wände umdekorieren als Wartezimmer? Durchsagen mit "Der Nächste bitte" inklusive? Wir, nein ER musste sich ändern. Auf uns zukommen und in seiner Sprachlosigkeit sagen: "Ich liebe euch so, dass ihr es Tag und Nacht hören sollt! Vielleicht will ich dann nicht zurück in die Wärme und Abgeschiedenheit eines Bauches, der mir alles bedeutete, und aus dem ihr mich heraus getrieben habt, um mir kurz darauf eine ätzende Flüssigkeit in die Augen zu träufeln!"

Während der Bauphase im Haus blühten im Garten jene Pflanzen, die von den Nachbarn argwöhnisch beäugt wurden. Saudiesteln und Giersch, ein längst tot gesagter Knöterich witterte seine Chance am Nachbarzaun. Ein Tannenwald gab dem Vorbesitzer die Möglichkeit, medizinische Abfälle zu verscharren. Eine Aufgabe für das zu erwartende Krabbelalter. Vorbesitzer Kinder holten am helllichten Tag Tulpen aus dem Vorgarten, in dem sie früher gespielt hatten, um sie vor der Verwilderung zu retten. Hunde kackten wohin sie wollten, Hauptsache an und hinter unseren Zaun. Wer einmal ganz unten liegt, kennt das alles.


Wenn es aber ein Zeichen gab, dass das Haus durchaus bewohnt war, dann war es das nächtliche Licht in den Zimmern, durch die wir abwechselnd schritten. Mit oder ohne Kinderwagen, mit oder ohne zu Stillen, wie es so treffend heißt. Von angewärmten Milchfläschchen, die wir per Warmhaltemaschine zur konstanten Körpertemperatur angeschafft hatten, hielt er wenig bis noch weniger.

Das Krabbelalter zeigte, dass er nicht nur kräftige Stimmbänder besaß, sondern eine ausgefeilte Technik in der Vorwärtsbewegung. Nur beim Bund bin ich auf ähnliche Weise zu Höchstleistungen gekommen. Setzten wir ihn auf den Boden, war er schon kurze Zeit später im Nachbarzimmer. Gitter zur Treppe im Obergeschoss waren zwingend nötig. An einem Tag im Frühling nahm ich ihn mit zum Finanzamt, in dem ich meine Lohnsteuererklärung abzugeben hatte. Obwohl ich eine hohe Nummer zog, ließen mich fast alle vor. Es mag daran gelegen haben, dass er eine große Neugier besaß, um Taschen, in denen er Süßigkeiten vermutete, einer genaueren Prüfung zu unterziehen. Oh, er war schnell.

Der Hüter meiner finanziellen Geheimnisse nahm meine Unterlagen entgegen, während ich den Krabbler im Raum frei ließ, weil er jede andere Form der elterlichen Aufsichtspflicht energisch ablehnte. Während wir um die Rechtswindungen des deutschen Steuersystems feilschten, wurde Sohn schnell fündig. Stolz kam er mit einem Flachmann aus dem unteren Bereich des Schreibtischs an, was die Bearbeitung meiner Unterlagen wiederum enorm beschleunigte. Der Sachbearbeiter wechselte die Farbe von Saharaweiß zu Lavarot. Ich beschloss, den Sohn die kommenden Jahre grundsätzlich mitzunehmen, und verließ das Amtszimmer mit den Worten: "Also ich schließe meine Bar mittlerweile immer ab...."
Typ
lustig
Autor
Burkhard Jysch